News 2008 – übernommen von www.pankeanke.de

Januar

Seit Ende September bin ich nun auf Arbeitssuche, also seit über drei Monaten. Ich habe knapp 30 Bewerbungen geschrieben (ich weiß, das ist noch gar nicht viel), habe Vorstellungsgespräche bei 5 Firmen hinter mich gebracht, ein sechstes kommt am Mittwoch, aber bis jetzt habe ich immer noch nichts Festes in Aussicht. Auch auf der Baustelle haben sie mir noch nichts Konkretes sagen können, da es da intern noch etwas zu klären gibt. Von zwei Firmen habe ich die gleiche Stellenanzeige nun auch schon zwei- bzw. dreimal wieder im Internet gefunden – da kann ich also nicht so richtig den Vorstellungen entsprechen. Dabei wird Tenzin nun ab Mitte Januar in die Krippe gehen. Ich glaube, dass ihm das gefallen und gut tun wird. Er ist so aktiv und neugierig. So viel können wir ihm gar nicht bieten. Ich bin gespannt, wie es wird. Immerhin ist er schon andere Betreuer gewöhnt, allerdings immer bei uns zu Hause. Und ich freue mich, wenn ich wieder arbeiten kann. So ganz ohne Arbeit, das ist nichts für mich.

Also fängt unser neues Jahr mit dem Start ins Krippenjahr und der weiter bestehenden Arbeitssuche an. Dafür hat das Jahr 2007 sehr schön aufgehört. Tenzin war seit Oktober nicht mehr krank. Kurz vor Weihnachten kam Mama aus Berlin zu Besuch, um einige Tage zu bleiben: Ihre Einschätzung von Tenzin, den sie etwa zehn Monate nicht gesehen hatte: „Ein ausgeprägter Charakter“ – ein etwas positivere Umschreibung für Dickkopf – und „Schauspieler“, denn Tenzin weiß schon, wie er was einsetzen kann. Ich gebe aber auch zu, dass er irgendwie ziemlich aufgekratzt war in der Zeit. Da Mama am 24. nach Berlin zu ihrem Liebsten fahren wollte, haben wir bereits am 23.12. gefeiert. Das Vorfeiern ist ja bei uns nichts Fremdes, wir haben oft vorher gefeiert, weil wir in die Tatra fuhren oder sonst wohin oder irgendjemand nicht da war. Nachdem ich in diesem Jahr viele Weihnachtsbriefe geschrieben und Geschenke gekauft hatte, dachte ich mir mal irgendwann, eigentlich könnte man nun Weihnachten ausfallen lassen, für Gendun hat es einfach nicht die Bedeutung, auch das Schenken nicht, Weihnachtsbriefe werden heutzutage nur sehr wenige geschrieben.

Aber nun hat man selbst ein kleines Kind, das mit einem Jahr sicherlich noch kein Weihnachten braucht, aber mit zwei dann schon versteht, was die ganzen Schokoweihnachtsmänner in den Geschäften, die bunt geschmückten Bäume überall usw. bedeuten. Also fängt man doch damit an bzw. macht weiter. Einen Weihnachtsbaum gab es trotzdem nicht, da Tenzin überall herumkrabbelt und alles anfasst, war mir das zu heikel. Ich habe unsere Fensterpflanzen geschmückt und einen Adventskranz gemacht. Heilig Abend versuchten Mama und ich uns an Gänsekeulen. Dann war Bescherung. Tenzin bekam u.a. Ferdinand – eine „living puppet“, das sind so große Puppen, etwa 60 cm, man kann die Hände reinstecken und dann die Hände bewegen oder auch den Mund. Anfangs war Tenzin noch etwas skeptisch, aber mittlerweile gibt er Ferdinand auch mal einen Kuss oder beißt ihm in die Nase.

Silvester wollten wir eigentlich ganz geruhsam angehen und vielleicht zu dem Fest der Tibeter gehen. Aber dann sagte sich ein befreundetes Ehepaar (ebenfalls halb Deutsch, halb Tibetisch, mit Uema, dem anderthalbjährigen Sohn) an. Sie blieben zwei Nächte. Silvester gingen wir dann zum Fest, d.h. wir zwei Mütter blieben mit unseren beiden Söhnen bis etwa neun Uhr. Dann wurde Uema ungeduldig, während Tenzin ziemlich fit (bzw. wohl eher aufgekratzt) war. Wir gingen nach Hause und brachten unsere beiden Kleinen ins Bett. Die beiden Männer kamen kurz vor zwölf, um mit uns anzustoßen, verschwanden dann wieder und kamen erst gegen sechs Uhr wieder. Aber kleine Kinder sind gnadenlos (früh wach), die Mütter dementsprechend auch, also gab es bereits um zehn wieder Frühstück. Nachmittags stand plötzlich der Nachbar vor der Tür: Seit Tagen würde es bei uns bumpern, wir sollten doch bitte leise sein. Dieser Nachbar ist selbst Vater von drei (mittlerweile) größeren Kindern, er sollte eigentlich wissen, dass Kleinkinder nicht immer ruhig auf dem Teppich sitzen, sondern rumlaufen und rumkrappeln, destruktiv Bauklötzchen durch die Gegend schmeißen oder den Küchenschrank ausräumen. Intolerante Leute gibt es. Furchtbar. Da war unser kleines Haus in der Schießstättstraße mit den Nachbarn, die man kannte, doch etwas ganz anderes. Aber natürlich ist die jetzige Wohnung viel besser.

Tenzin ist kurz davor zu Laufen. Darauf freue ich mich schon, denn dann können wir auch wieder länger rausgehen. Momentan schieb ich ihn im Kinderwagen umher und auf dem Spielplatz rutschen wir etwas oder schaukeln, aber mehr geht eben leider nicht, weil er sich sonst einfach auf den Boden setzen würde. Und da ist es einfach kalt.

Februar

Nun ist schon bald Mitte Februar und ich habe unsere News noch nicht aktualisiert. Es ist einfach viel passiert. Bzw. es fehlte mir einfach die Muße. Mitte Januar ging Tenzin zum ersten Mal in die Kinderkrippe – die Eingewöhnung musste Gendun übernehmen, da ich viel Vertretungen für Deutschkurse machen musste / konnte. Zum Glück reichte eine Woche Eingewöhnung für Tenzin, nur ist Tenzin jetzt erst einmal krank (wie so viele Kinder und auch Erwachsene in diesen Tagen) und wir pausieren mit der Krippe, aber Dienstag wird er wohl wieder mit den anderen Kindern spielen können. Am ersten Tag in der Krippe konnte Tenzin noch nicht laufen. Am zweiten Krippentag machte er zu Hause die ersten Meter zu Fuß. Als ich ihn am dritten Tag in der Krippe abholte, saß er noch etwas verloren an der Wand und spielte mit einem bunten Ball. Mir tat es ja schon richtig im Herzen weh, ihn so zu sehen. Plupp, waren die ersten Schuldgefühle da. Aber dann auf einmal machte es „klick“ bei Tenzin und er fing an zu laufen. Und seitdem ist er auch in der Krippe aktiv und zu Hause ist er ebenso nicht mehr zu halten. Der Watschelgang ist mittlerweile auch verschwunden.

Letztens war ich mit ihm in den Westpark zum Spazieren, unser Ziel war der Spielplatz dort. Die letzten Meter wollte ich ihn laufen lassen, ein etwas schwierigeres Unterfangen. Nicht unbedingt, weil er bestimmt zehnmal hinfiel, sondern weil er – aus irgendeinem Grund – immer in die falsche Richtung laufen wollte. Also wenn er wieder zurückgelaufen war, klemmte ich ihn mir unter den Arm, schob den Kinderwagen ein Stück weiter, stellte Tenzin wieder auf den Boden, ging ein bisschen mit dem Kinderwagen nach vorne, sammelte Tenzin wieder ein und das ganze fing von vorne an. Tenzin versteht auch unsere beiden Sprachen, er reagiert auf Genduns Tibetisch genauso wie auf mein Deutsch, also wenn Gendun einen „Ba“ und ich einen „Kuss“ haben möchte, dann öffnet Tenzin sein Schnäbelchen und küsst uns mit einem lachenden offenen Mund.

Nicht nur für Tenzin hat sich etwas verändert, sondern auch für mich. Neben meinen Deutschkursvertretungen hatte ich noch zwei Vorstellungsgespräche. Wie immer in solchen Situationen kam alles auf einmal und ich musste mich entscheiden. Ich entschied mich für die Stelle beim Deutschen Alpenverein. Ich mache eine Elternzeitvertretung für die Teamassistentin im Bereich Kultur beim DAV. Mein Arbeitsplatz ist das wunderschöne Alpine Museum auf der Praterinsel an der Isar. Es ist eine Halbtagsstelle, so kann ich immer noch nebenbei Deutsch unterrichten bzw., wenn notwendig, mehr für Tenzin da sein. Letzte Woche habe ich angefangen. An drei Tagen hat meine Vorgängerin mir alles erklärt, so dass mir erst einmal der Kopf schwirrte von all diesen Informationen. Alles ist neu, aber ich habe den Eindruck, dass mir die Arbeit gefallen könnte.

So, das klingt jetzt nach nicht viel, aber trotzdem war es für mich einiges, was ich zu machen und zu bedenken hatte. Aber nun soll endlich etwas Ruhe einkehren.

Hier in München ist das Wetter sehr mild und schön, also kann man vielleicht schon einen schönen Frühlingsstart wünschen, oder? Übrigens ist auch noch gerade Tibetisches Neujahr. Deshalb möchte ich Euch jetzt schöne Frühlingsgefühle und viel Glück für das neue Erd-Maus-Jahr wünschen! Tashi Delek!

März

Rota, Noro, Rhino – schöne Namen, jedoch weder für Kinder noch für Tiere, sondern für Viren. Damit mussten wir uns in den letzten Wochen herumschlagen. Obwohl – ob wir den Rhinovirus hatten weiß ich nicht genau. Aber letztens gab es die Schlagzeile auf einer der Zeitungen hier in München. Letztens erzählte ein Kollege fast stolz, dass in seiner vierköpfigen Familie gerade drei Tage lang niemand von ihnen krank war, sonst immer irgendjemand. Das kam mir sehr bekannt vor.

Es ist kurz vor sieben. Tenzin liegt schon im Bett. Gendun ist noch bei ihm im Zimmer und betet. Das ist unser Abendritual. Ich gehe mit Tenzin aufs Töpfchen (bzw. ich setze ihn drauf), dann ist Zähne putzen angesagt und dann wird der Schlafanzug angezogen, während ich „Weißt Du wie viel Sternlein stehen“ singe. Dann stille ich Tenzin noch einmal und Gendun betet. Währenddessen schläft Tenzin meist ein. Manchmal auch nicht, dann ist noch highlife im Kinderbett angesagt mit Schäkern durch die Gitterstäbe hindurch, Aufstehen, Hin- und Herdrehen, irgendetwas Plappern, bis ihm die Äuglein zufallen, was manchmal eine (lange) halbe Stunde dauern kann. Aber so wie heute, wenn Tenzin in der Krippe war und nicht so viel tagsüber schlafen kann, dann ist er meist bald nach dem Abendessen müde und fängt an, sich die Augen zu reiben.

Letztens kaufte ich Lego-Bausteine für Tenzin. Gendun fragte mich etwas unverständig: „Muss das sein?“ Und ich überlegte, warum er so wenig mit diesem Spielzeug anfangen kann. Meine einzige Erklärung war, dass es erstens solches Spielzeug in Tibet nicht gibt und zweitens auch nicht unbedingt notwendig ist, weil die Kinder in seinem Dorf (durch das nur eine befahrbare Straße führt und die auch nur selten befahren wird) meist draußen auf den Wegen und auf den Feldern spielen und wahrscheinlich dort ihr Spielzeug finden. Und hier kauft man immer wieder neues Spielzeug, damit das Kind auch wirklich gut gefördert wird. Was sicherlich einerseits übertrieben ist, aber andererseits kann Tenzin ja auch schlecht mit seinen Rasseln aus dem Babyalter spielen.

Für mich ist nun schon ein Monat in der neuen Arbeit um. Die Arbeit macht mir sehr viel Spaß, es ist ein bisschen Teamassistenz, ein bisschen Öffentlichkeitsarbeit, ein bisschen habe ich mich Ausstellungen zu tun. D.h. ich muss den Internetauftritt des Alpinen Museums pflegen, also Texte und Bilder hochladen, Termine für die Presse zusammensuchen und weitergeben, die Produktion des zweimonatlich zu verschickenden Newsletter organisieren. Momentan bereite ich zusammen mit meiner Chefin eine Wanderausstellung vor. (Aber ich muss keinen Kaffee kochen, keine Besprechungsräume vorbereiten usw.) Insgesamt also alles etwas, was ich schon immer mal machen wollte. Gendun war auch im Februar zu Hause, so dass er sich auch viel um Tenzin kümmern konnte und dieser nur vier Stunden am Tag in der Krippe war. Aber sicherlich wird bald auch seine Arbeit wieder anfangen.

Morgen ist Frauentag. Deshalb möchte ich allen Frauen alles Gute zum Frauentag wünschen!

April

Eben kommen wir von einem Kinderflohmarkt zurück, bzw. von einem Kinderkleidungsflohmarkt. Dort haben wir ein paar Sommer- und sommerliche Hosen und Shirts für Tenzin erstanden. Hingeradelt sind wir mit den Rädern und unserem neuen Fahrradanhänger. Den haben wir letztes Wochenende schon einmal ausprobiert und sind zum Picknicken in den Westpark geradelt. Tenzin gefällt es gut in dem Ding. Und wir freuen uns, dass sich endlich unser Bewegungsradius wieder etwas ausweitet, z.B. Richtung Isar und Englischen Garten.

„Forscher finden 14300 Jahre alten Kot“. Zu meinen morgendlichen Aufgaben im Museum gehört es, die Süddeutsche zu durchblättern und zu schauen, ob etwas über das Museum drin steht. Als ich gestern aus einer alten Tradition heraus mit dem Panorama anfing, fand ich diese Meldung und musste beim Lesen doch etwas schmunzeln. 14300 Jahre alter Kot – was es alles gibt und für wen das alles interessant ist. Andere Newsmeldungen (über China und Tibet) lassen uns zurzeit nicht schmunzeln. Gendun verfolgt alles sehr aufmerksam übers Internet und informiert mich nebenbei. Aber unserer Familie dort geht es gut. Und mehr möchte ich hier nicht dazu sagen.

In zehn Tagen werden Tenzin und ich in den Bayrischen Wald aufbrechen. Wir machen dort eine Mutter-Kind-Kur, um uns etwas zu erholen. Ich freue mich schon sehr darauf, auch wenn ich nicht genau weiß, was uns dort erwartet. Ich hoffe einfach, dass sie uns etwas verwöhnen und aufpäppeln, dass ich mich viel an der frischen Luft bewegen und vielleicht mal wieder Yoga machen kann. Und einfach nur erholen, erholen und nochmals erholen. Wir fahren nach Grafenau. Ich bin gespannt. Bayrischer Wald klingt für mich so wie das Ende der Welt.

Habt Ihr Wörter, die für Euch unbedingt mit einem Menschen verbunden sind? Ich schon, nämlich „brauchen“ und „fassen“. Das sind auch noch zwei Wörter, die man bei einem Kleinkind sehr häufig gebraucht: „Fass das nicht an!“ oder „Du brauchst jetzt nicht zu weinen“. Und diese Wörter sind für mich für immer mit Gesine (brauchen) und Mama (fassen) verbunden. Selbst wenn mir diese beiden Menschen nicht so nah stünden, könnte ich sie nicht vergessen. Denn jedes Mal, wenn ich die Wörter gebrauche, muss ich an die beiden denken. Gesine bläute mir ein, dass zu „brauchen“ immer „zu“ gehört (ich vergesse es trotzdem manchmal) und Mama stöhnte jedes Mal entsetzt auf, wenn ich in der dritten Person Singular aus „fasst“ „fässt“ machte.

Eines muss ich noch ergänzen: Heute gab es mal wieder Momos, also diese gefüllten tibetischen Teigtaschen. Tenzin war total glücklich, er scheint sie sehr gerne zu essen. Mit beiden Händen langt er immer genüsslich zu. Wenn er schmatzen könnte, würde er wohl laut schmatzen. Jedenfalls kann er durchaus vier oder fünf von diesen Teilen verdrücken, was ich immer sehr erstaunlich finde, denn meine Mutter (oder auch andere Gäste) hören meist ebenfalls bei fünf Momos auf. Allerdings muss ich hinzufügen, dass Tenzin von dem Teigmantel nie alles ist.

Euch einen schönen Start in den Frühling.

Mai

Seit ein par Tagen sind wir, Tenzin und ich, von unserer Mutter-Kind-Kur zurück. Drei Wochen waren wir, zusammen mit etwa 80 anderen Müttern und bestimmt 150 Kindern, in Grafenau im Bayrischen Wald, am Ende von Deutschland.

Obwohl ich die Kur vor allem wegen Tenzin machen wollte, wurde ich bei der Aufnahme erst einmal energisch aufgeklärt, dass dies eine Mutter (!)-Kind-Kur sei und die Mutter im Mittelpunkt stünde. Aber Tenzin war wenigstens „Patientenkind“, so dass es wegen seiner Behandlung (die eh nur aus inhalieren bestand, weil man in dem Alter einfach auch noch nicht so viel für die Kleinen machen kann) bestand.

Ich hatte volles Programm: Fitness, Aquajogging, Wassergymnastik, Bauch-Beine-Po, Pilates, psychologische Gespräche und manchmal auch Zeit, um im Wald um die Ecke joggen zu gehen. Ich habe einfach gemerkt, diese Indoor-Sportarten sind nicht so viel für mich. Und Pilates – schrecklich (zumindest für Anfänger): Bauch und Beckenboden anspannen, richtig aus- und einatmen und dann noch diverse Bewegungen ausüben. Während der ganzen Zeit war Tenzin in der Kinderkrippe, nur in der Mittagspause musste ich ihn abholen, dann stellte ich ihn meist zum Schlafen auf den Balkon, damit er das Reizklima auch voll auskosten konnte. Ansonsten versuchte ich, oft mit ihm auch noch so rauszugehen.

Für mich war die Zeit sehr schön, weil ich ein bisschen was für mich machen konnte, aber trotzdem auch noch Zeit für Tenzin hatte, Zeit, in der ich nicht abwaschen, einkaufen, putzen, essen machen musste. An einem Wochenende waren wir auf einem Waldspielplatz. Abgesehen von unserer Bergtour letzten Sommer war Tenzin ja noch nie richtig in einem Wald. Ich glaube, der Spielplatz war ihm egal, er fand den Wald mit Tannenzapfen, Laub u.a. schon so spannend genug. Ein paar Mal wanderten wir durch den Wald hinterm Haus zur „Kleblmühle“, einer Gastwirtschaft mit schönem Spielplatz, Hirschen und Ziegen. Da war dann für mich der leckere Kaffee dabei und für Tenzin der Spielplatz. Ansonsten muss ich zugeben, dass ich vom Bayrischen Wald nicht viel gesehen habe. Für mehr action mit mehr Besichtigung ist Tenzin noch zu klein. Es würde ihn nicht so interessieren und dann wäre es auch für mich stressig geworden. Ein Wochenende besuchte uns Gendun, der uns ziemlich vermisste, so allein in der großen Wohnung.

Tenzin ist auch aufgeblüht: Fand zwei Kurschatt(inn)en, die eine küsste und umarmte ihn immer und die andere kam immer zu ihm. Und mit Sarah und ihrer Mutter haben wir auch viel unternommen. Dort war Tenzin nicht der Jüngste, so dass er auch jemanden zum Spielen fand und sich auch vieles abgucken konnte. Er ist (mit Hilfe) die Sprossenwand hoch, allein kleine Rutschen hochgeklettert, viel gelaufen und hat viel geplappert (für uns ohne Sinn) und kann fast schon richtig „Hallo“ sagen.

Ich habe in Grafenau die Natur mit den blühenden Wiesen und Bäumen genossen und vor allem, dass die Natur so nah war. Insofern war es fast ein „Kulturschock“, als ich in München aus dem Hauptbahnhof zur Straßenbahn ging – grau, laut, voll und kein Grün. Dafür müssen wir jetzt hier in den Park gehen oder mit dem Fahrrad fahren, was wir auch heute Nachmittag machen werden. Picknick ist schon vorbereitet und sobald Tenzin wieder wach ist, geht es los. Jedenfalls habe ich für mich noch einmal gemerkt, dass ich langfristig schon mehr in der Natur und nicht in der Stadt leben möchte.

Juni und Juli

Nachtrag vom 9. Juli – Diesen Monat fehlt mir die Muße zum Schreiben. Ich habe den Eindruck, es passiert viel zu viel in viel zu kurzer Zeit. Aber keine Panik – uns geht es gut. Ich melde mich im August wieder.

Jetzt ist schon wieder ein Monat vorbei. Wahnsinn, wie die Zeit vergeht. Und sie vergeht wahrscheinlich um so schneller, weil Tenzin so viel action macht und immer wieder etwas Neues bei ihm zu Tage kommt: Mittlerweile schaut er sich freiwillig Bücher an, manchmal muss man ihn, nach dem fünften Buch, fast bremsen. Zumindest auf Deutsch versteht er die wichtigsten Körperteile, auch Tibetisch noch nicht ganz, da muss Gendun mehr mit ihm reden. Leider hat er immer noch etwas Zerstörerisches an sich: Die Kiste mit den Legosteinen auszukippen oder das Konstrukt von Mama kaputt zu machen, ist toller, als selbst etwas zu bauen. Aber er ist ein Klettermaxe, kein Tisch und Stuhl ist vor ihm sicher, ich warte darauf, dass er beim Hochkraxeln auf den leichten Küchenstuhl nach hinten umfällt. Sandkasten ist auch toll, vor allem sich den Sand aus der vollen Schaufel ins Gesicht zu schütten und dann vielleicht noch Spuckehänden rein – super. Er ist immer noch der absolute Frühaufsteher: Um halb sechs oder um sechs ist die Nacht zu Ende, leider auch am Wochenende, und egal, ob er nun um sieben oder um acht abends ins Bett ging. Er versucht immer mehr zu sprechen. „Mama“ kommt für mich immer noch etwas unmotiviert, „Papa“ dagegen schon zielgerichteter (dabei verbringe ich doch momentan viel mehr Zeit mit ihm). Und „Bail“ kann er sagen, was „Ball“ heißen soll.

Tenzins Haare wurden kurzgeschoren. So etwas ist in Tibet auch üblich, dann werden die abgeschnittenen Haare verfilzt und zu einer Art Amulett gemacht. Gendun wollte sie abschneiden, damit Tenzins Haare dicker werden. Er verglich das – passend zu seiner Arbeit – mit einem neuen Rasen, der auch erst ganz dünn ist und dann nach dem Mähen stärker wird. Mir tat es, ehrlich gesagt, schon etwas in der Seele weh, aber Haare wachsen zum Glück ja nach.

Übrigens lass ich letztens in einem Zeitungsartikel, dass die Zeit, die Omas und Opas mit ihren Enkeln verbringen, um z.B. auf sie aufzupassen, 40 Milliarden Euro kosten würde. Eine erstaunlich Summe, oder? Eine andere Summe hat mich genauso erstaunt. Im letzten Quartal, Tenzin war wieder öfter beim Kinderarzt, sagte mir die Ärztin, dass normalerweise 19 € pro Quartal fürs Kind verschrieben werden dürften. Und für Tenzin waren schon 160 € verschrieben worden. Und da war das Quartal noch nicht zu Ende. Und ich dachte mir, das kann doch nicht wahr sein.

Nach der erholsamen Kur bin ich nun wieder im Arbeitsleben angekommen. Aber ich genieße auch die Stunden, die ich nun wieder mit Gendun habe. Und wir drei genießen das schöne Wetter, in dem wir mit Fahrrädern und Anhänger in den Westpark und an die Isar fahren, um dort zu picknicken oder zu spielen. Letztens waren wir direkt an Isar und ließen Tenzins Füße im Wasser baumeln. Tenzin fand das Klasse und hätte wahrscheinlich am liebsten noch Stunden drin geplanscht, aber irgendwie war es doch noch ganz schön kalt.

Das war’s für heute. Kurz und schmerzlos. Also, genießt die Sonne!

August

Anfang Juli hatte ich keine Lust zu schreiben. Nun ist sie wieder da. Tenzin ist irgendwie immer noch so etwas wie die Nummer eins, was man an meinen News-Inhalten merkt, aber so langsam ändert sich das / soll sich das ändern.

Letztens lag ich abends im Bett und konnte nicht einschlafen (der Abendkaffee war schuld). Da lag ich so neben meinen beiden Männern, denn Tenzin war irgendwie ? doch wieder bei uns im Bett gelandet, schaute so zu ihnen rüber und dachte mir, dass ich doch eine tolle kleine Familie hätte. Es ist nicht immer einfach und alles zu managen, weckt in mir doch des Öfteren den Wunsch, mal ein halbes Jahr Ruhe zu haben, ohne nachdenken zu müssen, entscheiden zu müssen usw. Aber, wie meine Mutter mich schon aufklärte, das geht die nächsten Jahre so weiter und wird erst mit dem Alter, sie ist jetzt Mitte 50, weniger.

Zurück zu Tenzin: Nachdem er immer zwischen fünf und sechs wach geworden ist, hat er sich nun anscheinend entschlossen länger zu schlafen. Jetzt ist es so, dass ich mich immer von Gendun wecken lasse, damit es für mich nicht zu stressig wird und ich noch eine Stunde für mich habe – welch eine Wohltat. Dafür beschert er uns wöchentlich mit einem neuen Wort(stummel), bis jetzt jedoch eigentlich nur auf Deutsch, wenn man mal von „shishi“ (Tibetisch für „pipi“) absieht, das auch ich in meinen deutschen Wortschatz einfließen lasse. Ansonsten gibt es „Bau“ für „Bauch“ / „Baum“, „assa“ für „Wasser“, was super klappt ist „Nein“ (auch mit der dazugehörigen Energie), „Hallo“, „tzu“ für „zu“, manchmal „tau“ für „ciao“. Er hat auch schon mal „Buddha“ zu unserer Buddhafigur gesagt, aber vielleicht war das mehr Zufall. Was auch sehr schön ist, er schaut sich momentan sehr gerne (auch komplexere) Bilderbücher an, da ich ja selbst eine Leseratte bin, freut mich das sehr, zumal das auch mal einen Moment Ruhe bedeutet.

Letztens war ich mit Tenzin bei einem chinesischen Arzt, also einem chinesischen Arzt, der chinesische Medizin praktiziert. Der empfahl uns beiden (fast mit der gleichen Diagnose) eine Ernährungsumstellung, Tenzin bekam noch einen bitteren Tee, den er anstandslos trank. Ich hätte noch eine Akupunkturtherapie machen können, aber die hätte mich insgesamt beim chinesischen Arzt zweitausend Euro (bei seinem jungen deutschen Kollegen die Hälfte) gekostet, da nahm ich dann doch lieber Abstand. Jedenfalls habe ich zu Gendun gesagt, dass ich jetzt einen Monat koche, um das mal auszuprobieren. Vorher war ja Gendun der Chefkoch bei uns. Sehr lecker, aber für mich schon immer zu viel Fleisch. Nun koche ich jeden Abend, mache auch warmes Frühstück, aber ohne Fleisch. Gendun muss deshalb immer sein Fleisch essen, wenn Tenzin schläft, weil der sonst quengeln würde. Gendun freut sich natürlich, dass ich jetzt so viel koche, aber es ist wirklich ein ganz schöner Aufwand, obwohl ich ja nur halbtags arbeite. Früher habe ich nicht sehr viel gekocht, weil ich es auch nie richtig gelernt habe. Nicht alle meine Versuche, wie z.B. die Linsenpuffer letztens, gelingen, aber es wird immer besser. Ich habe Linsencurry gekocht, für Tenzin mussten wir auf Kardamon und Kreuzkümmel verzichten. Dann habe ich mal Fisch im Dampfkocher gemacht – sehr lecker. Oder Rote Grütze selbst gemacht.

Und mit Tenzin in der Küche ist es auch nicht wirklich entspannt. Denn ihn beim Kochen einzubinden, wie das immer so in den Elternratgebern empfohlen wird, geht nicht wirklich, weil er dafür noch zu klein ist: Er kann ja keine Kartoffeln schälen, wenn ich ihn die Kartoffeln waschen ließe, wäre die Küche danach überschwemmt, klein schneiden geht auch nicht gut. Na ja. Irgendwann bäckt er uns dann mal den ersten Kuchen. Tenzin und Herd ist sowieso ein Kapitel für sich: Nach einer Herdüberhitzung (Überspannungsschaden heißt das so schön bei den Versicherungen und wahrscheinlich auch bei den Elektrikern) mit verkokelter Arbeitsplatte haben wir nun einen neuen Herd, eine neue Arbeitsplatte und machen nach jedem Kochen die Sicherungen für den Herd raus.

Was ich etwas schade finde, wenn man sich mit der chinesischen Ernährung / Medizin beschäftigt, dann wird das europäische Kochen als falsch verurteilt und vor allem behauptet, dass daran (Müsli, Rohkost, Vitamine usw.) ja vor allem die Industrie verdient. Mag vielleicht stimmen, aber ich möchte nicht alle Forscher über einen Kamm scheren.

Die nächsten Woche sind voll mit Aktivitäten: Im August sind wir in Berlin und Luckenwalde zum Familientreffen, danach besuchen wir die Reintalangerhütte. Ab September wird Tenzin in eine neue Krippe / Kindergarten gehen (der neue ist wesentlich günstiger und geht bis zum Schulalter), also steht eine Eingewöhnung an. Ich hoffe, wir brauchen nicht vier Wochen, wie die Einrichtung ansetzt, weil wir eigentlich keinen Urlaub mehr haben. In dieser Zeit kommt auch Mama für eine Woche zu Besuch, wir werden zu dritt ohne (großen) Mann auf eine Hütte am Schliersee gehen. Und dann ist bald schon Weihnachten – wir sind nämlich schon an der Weihnachtsplanung, weil Nanne und Joel aus Namibia kommen.

Um etwas mehr für mich zu machen, habe ich wieder mit Yoga angefangen. Das Schöne ist, der Raum ist gleich bei uns um die Ecke. Was für mich auch interessant ist, dass die Leiterin auch etwas von der philosophischen Seite einfließen lässt. Vieles kommt mir durch die Beschäftigung mit dem tibetischen Buddhismus bekannt vor, aber das ist auch logisch, denn der Buddhismus kommt aus Indien. Manchmal schaffe ich es auch am Wochenende joggen zu gehen. Letztens bin ich sonntags halb sieben wach geworden, bzw. Tenzin hat mich wach gemacht, der Schlingel. Und Gendun meinte dann nur schlaftrunken, ich solle doch joggen gehen. Was ich dann auch tat. Das tut wirklich sehr gut.

Im Alpinen Museum wurde eine neue Ausstellung eröffnet. Sie heißt „ungeheuer zauberhaft. Märchen, Sagen und Geschichten aus den Alpen“. Diesmal war ich auch bei der Eröffnung dabei. Sie ist wirklich sehenswert – für Große und Kleine. Mehr Infos unter www.alpines-museum.de.

Seit einigen Wochen helfe ich mal wieder auf einer Baustelle aus. Irgendwie komme ich wohl doch nicht davon los. Es ist nur montags, wenn ich keine Arbeit im Museum habe. Aber ich merke immer mehr, dass die Arbeit im Museum genau das ist, was ich gerne machen möchte.

Es gibt übrigens wieder einen medihimal-Kalender. Das Titelbild kann man schon auf der Website von medihimal www.medihimal.org sehen.

September

Kann man die Reinkarnation eines Bergsees sein? Die Tibeter glauben ja an Reinkarnation, aber das bezieht sich dann doch eher auf Lebewesen, sprich Tiere. Gendun meint jedoch, Tenzin sei die Reinkarnation von Wasser und Stein (was ich dann umgeschrieben habe zu „Bergsee“, weil es etwas poetischer klingt), weil Tenzin von Wasser und Stein nicht wegzukriegen ist. Sei es der Wasserhahn zu Hause, die Minipfütze in der Gulliplatte, das kleine Steinchen auf dem Gehweg oder eben so richtig Wasser und Stein in den Bergen.

Wie auf unserer Bergtour Mitte Mai, als wir ins schöne Reintal wanderten. Tenzin mit seinen zwölf Kilo saß wirklich gut gelaunt in seiner Kraxe bei Papa auf dem Rücken und rief immer wieder „assa“ (also „Wasser“), denn die Partnach begleitet den Wanderweg fast die ganze Zeit. Während der Pause an der Bockhütte gab es natürlich am Partnachstrand auch genügend Steine und Steinchen und oben an der Hütte gab es noch mehr. Wohlweislich hatte ich Gummistiefel und Regenhose eingepackt. Wir uns war es die erste Bergtour dieses Jahr, und es hat mir so gut getan. Ich kann einfach wunderbar abschalten, wenn ich dort unterwegs bin. Und an der Bockhütte gibt es ja auch immer so sensationellen selbst gemachten Kuchen. An beiden Tagen habe ich welchen gegessen – so lecker. Kann ich nur empfehlen.

Ich freue mich schon auf die nächste Bergtour. Im September kommt meine Mutter zu Besuch. Und wir wollen zur Albert-Link-Hütte am Spitzingsee gehen. Dorthin kann man sogar mit dem Kinderwagen fahren. Wir nehmen die Kraxe trotzdem mit, weil wir dort etwas wandern wollen. Ich war noch nie auf dieser Hütte, aber sie muss sehr schön und vor allem wirklich kinderfreundlich sein.

Heute habe ich endlich meine Steuererklärung fertiggemacht. Mit Verspätung zwar, aber immerhin. Was heißt jedoch „meine Steuererklärung“? Ich muss sie zwar für Gendun und mich machen und habe bisher auch die meisten Steuern bezahlt. Aber wer steht als erste Person drin – natürlich der Mann. Gendun bekommt die Post vom Finanzamt und Gendun muss auch als 1. Verdiener drin stehen, ich bin ja nur die Ehegattin. Dabei verdiene ich mehr. Genauso die Rechnungen von der Kinderkrippe: Ich war immer die Ansprechpartnerin und ich bringe Tenzin meistens dorthin, jedoch wird als erstes natürlich der Mann genannt. Manchmal könnte ich mich über so etwas ärgern. Aber wirklich!

Eine gute Nachricht: Ich habe meine Probezeit im Alpinen Museum beendet und habe auch den Verlängerungsvertrag bekommen. Zur Feier des Tages konnte ich Gendun dazu überreden, dass er für meine KollegInnen und mich Momos macht, die habe ich dann mitgenommen und nur noch warm zu machen brauchen.

Jetzt muss ich doch wieder auf Tenzin zurückkommen. Sein Musikgeschmack ist wirklich interessant: Meistens läuft zu Hause für ihn tibetische (Pop-) Musik, aber auch bei Ska und lateinamerikanischer Musik (letzteres wie wohl jedes Kind, wenn man so die südamerikanischen Straßenmusiker und ihr Publikum beobachtet) fängt er an zu tanzen (bzw. zu zappeln). Bayrische Volksmusik (gehört auf einem Fest zur 850-Jahr-Feier der Stadt München) trifft ebenso seinen Geschmack – irgendwie. Muss am Rhythmus liegen.

Letztens war ich mit Tenzin auf dem Spielplatz. Wenn ich so die Kinder sehe, wundere ich mich manchmal, aber wahrscheinlich sind Kinder einfach so und ich habe es nur vergessen: rabiat und naseweis. Andere Kinder spielten mit Tenzins Spielzeug, er wollte es zurückhaben, warf dabei mit Sand ein wenig und ein Kind sagte dann immer wieder „Das macht man nicht!“ Oder eine andere Situation: Ein Kind lag auf einer Schaukel, Tenzin ging ebenso zu der Schaufel und ein drittes Kind stand dabei und rief immer wieder: „Yanni will schaukeln, Yanni will schaukeln“. Ich dachte erst, das Kind meint sich selbst, aber erst später stellte sich raus, dass es sich dabei um das erste Kind handelte. Ich glaube, Tenzin wusste gar nicht so richtig, wie ihm geschah. Ich fühle mich auf Spielplätzen immer noch fremd. Viele Mütter kennen sich schon und haben so ihre Gesprächsthemen (Schwimmkurse, musikalische Früherziehung usw.). Ich gehe ja auch nicht immer mit Tenzin auf den gleichen Spielplatz, deshalb kenne ich keine.

Bald wird Tenzin zwei Jahre alt. Wir haben beschlossen, dass wir auch dieses Jahr nicht groß feiern werden, sondern einfach einen schönen Tag machen. Wenn ich so mitbekomme, was Eltern heutzutage für die Geburtstage alles anstellen (auch finanziell), wird mir jetzt schon schlecht. Und noch unwohler wird mir bei dem Gedanken, dass ich ja eine einfache schöne Geburtstagsfeier wie damals zu meinen Zeiten machen kann, nur dass vielleicht verwöhnte Kindergäste zu meckern anfangen.

Und zum Schluss noch Tenzins Sprache bzw. sprechen: Er sagt mittlerweile auch ein tibetisches Wort „ma“ (heißt eigentlich nehmen, er benutzt es für geben). Zu Gendun sagt er „apa“ (die tibetische Variante), „Papa“ oder „der Papa“. Auch ich werde manchmal mit der tibetischen Variante „ama“ bedacht. Ansonsten habe ich den Eindruck, dass die Wörter sich immer wieder wandeln: „tsua“ kann Tür, Flugzeug oder zu heißen. „Bagga“ früher für Elefant und Bagger, heute nur noch für Elefant. Dafür ist „krakra“ jetzt auch Bagger und wie früher der Kran. Und Tenzin fängt an nachzusprechen, wenn ich mit ihm rede, was sehr witzig ist. Er hat sich schon an „anziehen“ und „Hausschuhe“ versucht.

Oktober

Mein Neffe ist gestorben. Am Wochenende war ich in Namibia bei Nanne und Corné. Meine Mutter ist noch da. Am Freitag lassen sie den kleinen Engel weiterziehen.

November

Zwei Jahre sind wir nun Eltern. Am 23. Oktober hat Tenzin seinen zweiten Geburtstag gefeiert. Eine private Geburtstagsfeier haben wir ausfallen lassen, da Tenzin durch den Kindergartenwechsel noch keinen richtigen Freund hat, der wichtig wäre und im Kindergarten ja auch gefeiert wurde. Ich durfte für die ganzen Kindergartenkinder ca. 35 Muffins backen und weil Tenzin so gern nach tibetischer Popmusik tanzt, habe ich die Musik (sogar mit einer tibetischen „Happy birthday“-Variante) auf eine Kassette kopiert und mitgegeben. Vom Kindergarten bekam er eine Geburtstagskrone, extra mit einer Eisenbahn draufgemalt, weil Eisenbahnen neben Baggern momentan sehr, sehr wichtig sind. In Abwesenheit der Alpen wahrscheinlich mittlerweile wichtiger als Steine und Wasser. Vielleicht ist er doch keine Reinkarnation eines Bergsees, sondern einfach nur eines Baggerfahrers oder Zugführers. Die Eisenbahn entriss ihm auch den ersten Drei-Wort-Satz „Eisebah Oma weg“ (weil meine Mama nach ihrem Besuch in München mit dem Zug nach Hause gefahren ist). Jeden Morgen fahren wir eine Station mit der S-Bahn, ich muss Tenzin jedes Mal hochheben, damit er auch wirklich alle Eisenbahnen und Bagger sehen kann, die neben und auf den Gleisen stehen. Und ich denke mir immer wieder: „Er hat doch nun bestimmte schon hunderte von Baggern gesehen und wird in seinem Leben noch tausende sehen. Er muss doch irgendwann genug haben!“ Unglaublich, wie oft man das Wort „Bagger“ rufen kann – aber nicht einfach nur rufen, sondern so richtig mit Begeisterung.

Die tägliche Fahrt zum Kindergarten wird jeden Morgen zu einem Motivationsproblem. Am S-Bahnhof Donnersberger Brücke gibt es keinen Lift, sondern nur eine Rolltreppe, die nur nach oben fährt. Da ich, weil Tenzin ungern an der Hand läuft und manchmal gern ausbüchst und die Donnersberger Brücke ziemlich groß und stark befahren ist, immer mit dem Kinderwagen fahre, muss ich also den Kinderwagen immer irgendwie runtertragen. Und jedes Mal ärgere ich mich schon vor dem Bahnhof über die ignoranten Mitmenschen, die nur daneben stehen und zuschauen, anstatt mal zu fragen, ob sie mir helfen können. Oder die mich dann mitten auf der Treppe fragen, aber dann habe ich den Kinderwagen schon unter dem Arm und bin fast unten. Irgendwann werde ich mit meinen Absatzschuhen an den Füßen und Kinderwagen mit Kind unterm Arm da runterpurzeln. Nein, das glaube ich natürlich nicht. Und jeden Morgen überlege ich, wie ich mich selbst motivieren kann und nicht gleich schlechte Laune bekomme. Mir fällt jedoch nichts ein, wie ich das Verhalten meiner Mitmenschen gutreden kann. Ich denke, nach dem Winter wird Tenzin auch ordentlich laufen und weniger als eine Stunde (für einen 20-Minuten-Weg) brauchen, so dass wir den Kinderwagen einfach zu Hause lassen können. Und jeden Morgen staune ich über mein Kind: Er ruft Bagger, ich schaue umher, aber sehe keinen Bagger. Während ich morgens noch träume oder bereits irgendwelche Probleme wälze, sieht mein Sohn ganz weit einen Bagger stehen. Tenzin konzentriert sich auf den Weg bzw. auf das, was er sieht. Während ich beim Gehen bereits schon ganz woanders bin.

Und worüber denke ich nach, wenn ich morgens mit Tenzin zum Kindergarten gehe? Z.B. über Tenzins Zukunft. Manchmal kommen mir die Zweifel, ob wir ihm einen wirklich guten Start in ein Leben hier geben können mit all den Anforderungen. Es gibt so viele Möglichkeiten, die man seinem Kind bieten kann. Aber ich weiß schon, dass wir das als berufstätige Eltern nicht leisten können. Oder Gendun und ich haben beschlossen, dass ich wieder ganztags arbeite. Irgendwann kam bei mir der Gedanke auf: Wer macht dann die Hausaufgaben, wenn nötig, mit Tenzin. Das wird wohl auch meine Aufgabe sein. Aber manchmal sage ich mir auch, dass ich mir einfach zu viele Gedanken mache, vor allem über Sachen, die noch gar nicht aktuell sind.

Mal etwas ganz anderes: Jedes Mal, wenn ich die neue Modefarbe Lila sehe, muss ich an die Wendezeit denken. Damals war lila auch in und zu den ersten Dingen, die ich mir im Westen kaufte, gehörten ein lilafarbenes T-Shirt und ein lilafarbenes Sweatshirt. Irgendwann las ich dann eine Äußerung von Karl Lagerfeld, glaube ich, der diese Mode ganz schrecklich fand. Nun gibt es wieder alle möglichen Kleidungsstücke in lila – und mir gefallen sie wieder ganz gut. Aber ich habe mir trotzdem noch keines gekauft.

Im September und Oktober gab es zwei Bergausflüge. Mit meiner Mutter fuhren Tenzin und ich in eine DAV-Hütte am Spitzingsee, nur zwanzig Minuten von der Bushaltestelle entfernt, kinderfreundlich eingerichtet, inmitten von Hügeln und Bergen, Fluss und Kuhweiden. Also ideal für Tenzin. Wir hatten sogar ein 3er-Lager (Lager haben normalerweise mindestens zehn Schlafplätze), das war natürlich ideal für uns. Zwei Wanderungen haben wir mit Tenzin gemacht und er ist wirklich tapfer mitgelaufen. Zwischendurch habe ich ihn natürlich auch in der Kraxe getragen. Aber er kann wirklich schon gut und lange laufen, wenn man ihn lässt. Ihm Wald konnten wir uns mit Steinen behelfen, die wir vor uns herschossen, um ihn voranzutreiben, weil er sonst einfach überall stehen bleiben und alles anschauen möchte. Ende November waren wir in Ohlstadt und haben dort eine befreundete Familie, mit gleichaltrigem Sohn, besucht. Sonntags machten wir uns auf den Weg zur Kreutalm. Mit ca. 6 km einfach vielleicht ein doch zu weiter Weg für einen Tag mit zwei kleinen Kindern, wenn man abends noch zurück nach München will. Aber es war eine tolle Runde und die Kreutalm hat einen schönen Kinderspielplatz und leckeres bayrisches Essen, so dass wir doch eine Weile dort verweilten.

Momentan bin ich etwas gemütlich geworden, um es mal positiv auszudrücken. Ich arbeite zwar nur halbtags, aber wenn ich Tenzin gegen 15 Uhr im Kindergarten abhole, dann habe ich auch noch nicht frei, weil er mir diese Freiheit nicht gibt. Wir gehen meist noch auf einen Spielplatz oder spielen zu Hause, so richtig allein spielen, das klappt noch nicht. Und abends sitze ich dann oft vor dem Fernseher. Und obwohl ich mich über mich selbst manchmal ärgere, kann ich mich meist nicht aufraffen, z.B. Tibetisch zu lernen oder etwas Gymnastik zu machen.

Seit über einem Monat ist Joel nicht mehr bei uns. Meine Schwester hatte von einem Freund ein schönes Gedicht bekommen, das auch viel geholfen hat:

Von den Kindern (Khalid Gibran)

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber.
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,
Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken,
Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen,
Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.
Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden.
Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit, und Er spannt euch mit Seiner Macht, damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.
Laßt euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein;
Denn so wie Er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt er auch den Bogen, der fest ist.

Damit möchte ich auch für heute schließen und Euch eine schöne Vorweihnachtszeit wünschen.

Dezember

Weihnachten steht vor der Tür. Der erste Schnee ist auch schon gefallen, den Tenzin auf der Zunge hat zergehen lassen. Da er Wasser im Gesicht (sei es vom Waschlappen, aus der Dusche oder vom Regen) nicht so sehr mag, fand er den Schnee im Gesicht auch nicht so toll, aber den Schnee an sich schon. Nun ist der Schnee allerdings schon wieder weg. Gerade scheint die Sonne, es ist wieder etwas wärmer geworden.

Nachdem ich letzten Monat von meinem Kampf mit Kinderwagen und S-Bahnhof-Treppen schrieb, habe ich kurz darauf begonnen, mit Tenzin zum Kindergarten zu laufen, also nicht mehr den Kinderwagen zu nehmen. Es klappt einigermaßen. Wir brauchen nun statt zwanzig ca. vierzig Minuten, leider heißt es immer noch viel zu oft „Arm!“, was heißt, dass ich Tenzin tragen soll (mein armer Rücken!), aber es klappt. Und momentan habe ich auch einfach die Zeit dazu. Nur nachmittags, wenn ich dann mit meinen Absatzschuhen von der Arbeit komme und mir die Füße schmerzen, kommt mir doch manchmal die Geduld abhanden. Und jetzt brauche ich zwar keine Motivation mehr für mich, aber ich muss Tenzin motivieren, damit er weiterläuft. Ich versuche es mit Singen („Hopp, hopp, hopp, Pferdchen lauf galopp“ oder ganz aktuell „Schneeflöckchen, Weißröckchen“), mit Zählen oder mit „Hüpf, hüpf, hüpf in den Kindergarten“ – aber ich habe noch nicht so viele Ideen. Gendun meint sowieso, ich würde zu viel mit Tenzin reden. Ob ich nicht müde davon würde, er sei es manchmal. Aber mit Reden kann ich Tenzin einfach ablenken, wenn er ärgerlich wird oder etwas anderes möchte. Vielleicht nicht immer, aber oft.

Seinen ersten Sankt-Martinsumzug hat Tenzin leider verpasst – wegen Fieber. Aber nun stehen ja noch Nikolaus und Weihnachtsfeier im Kindergarten im Haus. Ich hoffe, dass er dann gehen kann. Weihnachtlich ist es nicht nur im Kindergarten geworden, sondern auch ein wenig bei uns. An einem Nachmittag im Kindergarten bastelten wir einen Adventskranz (auch für mich der erste in meinem Leben) – „Tanne“ heißt bei Tenzin nun „basteln“, so langsam versuche ich, dass er wenigstens „Zweig“ sagt. (Und Gendun wollte mich letztens aufklären, dass „Tanne“ „Zweig“ heißt, bis ich ihm klar machte, dass jeder Baum Zweige hätte…) Auch holten wir zu Hause unsere Weihnachtskugeln, Engel und Sterne hervor. Ich hoffe, dass Tenzin bis zu unserer Berlinreise gelernt hat, dass die Kugeln nicht zum Spielen sind. Eine musste schon daran glauben. Gestern war ich mit Tenzin im Verkehrszentrum vom Deutschen Museum, wo die ganzen schicken alten Autos, Eisenbahnen, Fahrräder usw. stehen. Tenzin sagte immer „sitzen“, weil er gerne alles ausprobieren wollte, aber das ging natürlich leider nicht. Aber wir haben uns in eine alte Rüttelkutsche gesetzt (die wird so durchgerüttelt wie früher vor hundertfünfzig (?) Jahren die Postkutschen auf dem Kopfsteinpflaster) und konnten in das Fahrerhaus eines LKW’s steigen.

Tenzin liebt es zurzeit, Liederbücher anzuschauen. Wir haben mittlerweile fünf Stück. Darunter „Raritäten“ aus der Kinderheit meiner Mutter (das muss mal zum Buchbinder) und aus meiner Kindheit. Interessant finde ich die Illustrationen – in dem einen Bilderbuch wird der Inhalt des Liedes wiedergegeben (das ist mittlerweile weniger interessant geworden) und in dem anderen sind es freie (aber sehr schöne) Interpretationen. Erstaunlich finde ich auch, die vielen verschiedenen Versionen eines Liedes. Z.B. wusste ich nicht, dass es von „Hänschen klein“ auch eine Version mit fünf Strophen gibt. Und das „Ein Vogel wollte Hochzeit machen“ über 30 Strophen haben kann. Oft wählt Tenzin gerade eines der Liederbücher abends zum Vorlesen im Bett aus. Dann ist es kein Vorlesen mehr, sondern Singen und ich bin zum Schluss ganz heiser.

Es ist schon komisch, dass ich über Tenzin so viel zu erzählen habe (ich könnte noch mehr erzählen, dass er jeden Tag ein neues Wort kann, wenn auch verkürzt, dass er seine neue Eisenbahn liebt usw.), aber bei Tenzin passieren einfach die meisten Dinge, es verändert sich am meisten. Während bei Gendun und mir der Alltag herrscht.

Habt Ihr schon Pläne bzw. Vorsätze für das neue Jahr? Ich habe gaaaaaanz viele: joggen gehen (mache ich schon, Gendun scheucht mich jedes Wochenende raus), Englisch und Tibetisch lernen, einmal im Monat etwas Besonderes mit Tenzin und Gendun machen, wieder mit Yoga anfangen usw. Ich bin gespannt, wie viel ich davon umsetzen kann.

„Blauer Schmetterling“ von Hermann Hesse
Flügelt ein kleiner blauer
Falter vom Wind geweht,
Ein perlmutterner Schauer,
Glitzert, flimmert, vergeht.
So mit Augenblicksblinken,
So im Vorüberwehn
Sah ich das Glück mir winken,
Glitzern, flimmern, vergehn.

Man kann auch im Internet Kerzen anzünden. Hier ist die für Joel: Kerze für Joel. Die Kerze hat eine Freundin von Nanne dort angezündet.

Also, ich wünsche Euch ein frohes Weihnachtsfest und ein schönes Jahr 2009!

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