News 2007 – übernommen von www.pankeanke.de

Januar

Tenzin unterm Weihnachtsbaum wurde Wirklichkeit. Der Weihnachtsbaum fehlte zwar in unserer kleinen Wohnung, aber Tenzin kam bereits am 8. Dezember nach Hause. Und hält uns seitdem auf Trab, wobei wir uns momentan eher in der Wohnung verkriechen und uns hier aneinander gewöhnen. Wir holen quasi unser Wochenbett (das ich ja mehr im Krankenhaus verbrachte) nach. Schön ist, dass Gendun nicht arbeitet, weil die Wintersaison keine landschaftsgärtnerlichen Tätigkeiten bietet.

Normalerweise spricht man eigentlich wenig über Toilettengeschäfte, aber nun unterhalten sich die Eltern (also wir) gerne und immer wieder über den Stuhlgang des Sohnes und freuen sich darüber, wenn die Windel voll ist. Nun, ich denke, solange man nicht mit dem Besuch darüber spricht und ihn damit langweilt, ist das vielleicht in Ordnung. Und nach einer gewissen Zeit werden auch die Eltern wieder andere Gesprächsthemen finden. Das Tiefkühlfach ist nun voll mit kleinen Milchfläschchen, denn aus dem Krankenhaus habe ich alle mit nach Hause bekommen. Mal sehen, ob wir sie aufbrauchen, denn man kann sie „nur“ ein halbes Jahr aufbewahren. Eigentlich dachte ich immer, wir hätten ein kleines Baby im Stubenwagen liegen. Aber die Geräusche, die aus demselben erklingen, erinnern wahlweise an eine Quietscheente, eine knarrende Tür oder ein kleines Maschinchen. Nur ein Schreien zwischendurch bestätigt mir dann, dass doch unser kleiner Tenzin drinnen liegt.

Vor Weihnachten kam die Oma, also meine Mutter zu Besuch. Vorher hatte ich ihr am Telefon ganz stolz erzählt, dass Tenzin schon Speckfalten hätte. Als sie sich dann ihr Enkelkind genauer anschaute, lachte sie nur und meinte, da wäre doch (fast) gar nichts. Aber wenn ich solche Speckfalten hätte, dann würde sie sagen: „Also, Anke, die müssen aber doch weg.“ Mama machte unseren kleinen Sohnemann auch zum Foto-Shooting-Star. Am 23. Dezember feierten wir vor. Als wir noch als Kinder zu Hause wohnten, wurde Weihnachten wegen Reisen etc. öfter mal umverlegt, insofern war das nichts Neues. Gendun war hippelig und neugierig und wollte schon am 22.12. die Geschenke auspacken, wie ein kleines Kind. Aber er musste noch warten, bis wir am 23.12. etwas Stolle gegessen hatten. Abends kochten meine Mutter und ich leckere Entenkeulen mit Rosmarinkartoffeln – ich sage Euch, ein Gedicht!

„Die wichtigsten Dinge in unserem Leben sind nichts Außerordentliches oder Großartiges. Es sind jene Momente, in denen wir uns von einem anderen angerührt fühlen.“ (Jack Kornfield) So geht es uns mit unserem Sohn. Es ist wirklich wie ein Geschenk!

Wie bei normalen Wöchnerinnen ist deshalb bei uns nicht viel passiert. Wir waren und sind mit der Babypflege beschäftigt und freuen uns an unserem Sohn. In sechs Tagen beginnt ein neues Jahr. Ich bin gespannt, was es uns bringen wird. Für Gendun fängt am 3. Januar nochmals die Schule an, er möchte in seiner Winterpause seinen Deutschkurs beenden. Ich werde erst einmal zu Hause bleiben und vielleicht im Sommer wieder mit zehn oder 15 Stunden Deutschkurs anfangen. Ein Umzug ist auch geplant, aber dafür muss erst einmal eine preiswerte Wohnung gefunden werden. Also, wenn jemand etwas bezahlbares in München weiß, dann bitte bei uns melden.

Ich wünsche Euch für 2007 erst einmal vor allem Gesundheit, Gesundheit und Gesundheit, Unternehmungslust und Tatendrang, liebe Menschen um Euch herum, schöne Stunden in den Euch wichtigen Kreisen, immer wieder ein Hoch, falls ein Tief kommt, und einfach alles, alles Gute.

Februar

„Mein kleiner Sonnenschein heißt Tenzin Florian“ – mit diesem selbst kreierten Lied versuche ich tanzend manchmal, Tenzin zu beruhigen, mit mehr oder weniger Erfolg. Ich brauche kein Fitness-Studio, denn ich habe ja meinen Sohn.

Letztens fand ich eine Postkarte mit einem tibetischen Sprichwort: „Kinder sind unsere wirklichen Lehrer. Lerne wieder ihnen zuzuhören: Sie erzählen dir von der Schönheit und der Sorglosigkeit, die du nur im gegenwärtigen Augenblick wieder findest.“ Stimmt sicherlich. Ich jedoch lerne momentan, mich im Augenblick zu gedulden und das Nichtstun zu akzeptieren und zu genießen. Ich meine, was heißt schon Nichtstun, denn wenn ich stille, dann mache ich natürlich schon etwas. Aber es ist schon etwas wie Stillstand, nur meine Gedanken kreisen umher. Mal sehen, welche glorreichen Ideen dabei herauskommen.

Aber weil ich mir geschworen habe, keine Mutter zu werden, die als einziges Gesprächsthema ihr Kind kennt, verschone ich Euch heute mit Berichten von schlaflosen Nächten mit Singen und Tanzen bis zwei Uhr in der Früh und der Freude von fünf durchgeschlafenen Stunden, von Verzweiflung und Hilflosigkeit, weil das Kind schreit, und der Begeisterung, wenn es wach und munter im Bett liegt.

Eine kleine Episode zu erzählen sei mir noch gestattet: Während manche Leute freiwillig Urin trinken, weil es irgendwie gegen irgendwas helfen soll, hatte Tenzin eines Morgens das eher unfreiwillige Vergnügen. Ich selbst bekam es gar nicht so mit, weil ich gerade woanders hinschaute. Als ich jedoch wieder zu meinem Sohnemann, der nackt auf der Wickelkommode lag, schaute, war sein Gesicht nass. Erst dachte ich, er hätte gespuckt oder gesabbert, aber dafür war die Flüssigkeit zu klar. Als er zuerst verdutzt schaute und dann anfing zu schreien und ich einzelne Tropfen auf seinem Bauch sah, wurde mir klar, unser Sohn hatte sich ins Gesicht gepinkelt, was er wohl nicht so toll fand.

Jedoch noch einen Gedanken: ich habe zwar immer gesagt, ich könnte nicht mehr mit meiner Mutter zusammenleben. Nicht, weil ich sie nicht lebe. Im Gegenteil, sie ist die beste Mama der Welt. Aber ich denke, sie möchte auch nicht wirklich mit mir zusammenleben. Aber manchmal wünscht man sich als Mutter doch die Großfamilie zurück, dabei habe ich noch Gendun, der mir zumindest in den Wintermonaten hilft. Es gibt immer wieder Momente, in denen man sich eine Oma wünscht, die mal kurz auf das Kind aufpasst. Oder eine andere Mutter, die irgendwelche Tipps geben kann, ohne dass man zum Telefonhörer greifen muss, um die Hebamme oder jemand anderen anzurufen.

So, da ich nicht von meinem Mutter-Baby-Leben erzählen wollte, bleibt natürlich nicht viel übrig. Ins neue Jahr sind wir drei relativ gut gekommen. Ich hatte Lammkotelett gemacht, dazu gab es eine Flasche Sekt (ist ja wenigstens milchbildend :-)). Da Tenzin jedoch Unterhaltung wollte, mussten wir schichtweise essen. Und den Jahreswechsel verbrachte ich damit, Tenzin, der gerade einen Wachstumsschub hatte, zu stillen, während Gendun vom Fenster aus das Feuerwerk betrachtete. (Das Ergebnis des Wachstumsschubes war, dass Tenzin innerhalb von zwei Wochen 600 g zunahm. Mittlerweile wiegt er 4.600 g (Stand 22. Januar).

Endlich ist nun auch nach München der Winter gekommen. Es ist kalt geworden und es liegt Schnee. Unsere Dachfenster sind wieder mit Schnee bedeckt, so dass wir sie weder öffnen noch rausgucken können. Schade. Letztes Jahr war ich schon nicht Ski fahren und dieses Jahr wird es wieder nichts. Mal sehen, wann ich das nächste Mal wieder auf Skiern stehe.

Letztens hat mir eine Freundin ein Buch ausgeliehen, dass ich mal hier empfehlen möchte: „Petrowitsch“ von Andrej Kurkow. Worum geht es? Der junge Geschichtslehrer Kolja gerät auf der Suche nach den geheimen Tagebüchern des ukrainischen Vorzeigedichters, Taras Schewtschenko, in die kasachische Wüste, wo er bei einem Sandsturm fast umkommt. Ein alter Kasache und seine beiden Töchter Natascha und Gulja retten ihm das Leben. Zusammen mit Gulja folgt er weiter den Spuren des toten Dichters. Sie lernen sich kennen und lieben und finden „Petrowitsch“ – sowie noch ein paar andere, unsympathischere Zeitgenossen. Die Beschreibung klingt jetzt nicht sehr spannend, aber dieses Buch ist auf eine sehr witzige und skurrile Art und Weise geschrieben. Einfach lohnenswert!

März

Wieder liegt ein Monat mit Kind hinter uns. Ein Monat, der doch sehr ereignisreich war. Es fing damit an, dass ich mit Tenzin nochmals ins Krankenhaus musste. Diesmal waren wir im „Dritten Orden“, das dritte Krankenhaus, in dem wir waren. Er hatte einen Nabelbruch, der doch recht groß geworden war und deshalb operiert werden sollte. Und weil Tenzin ein Frühchen ist, mussten wir zur Beobachtung eine Nacht dableiben. Ja, wir, denn ich hatte auch das Vergnügen, dort übernachten zu dürfen. Ein eher zweifelhaftes Vergnügen, denn das Bett war klein und ich versuchte immer in der Nacht, Tenzin einigermaßen ruhig zu halten, damit das andere Kind nicht aufwachte. Das hieß, ich habe oft gestillt und sprang bei jeder Bewegung aus dem Bett, denn Tenzin war an einen Monitor angeschlossen. Und wenn er nur den kleinen Zeh bewegte, ging ein wahnsinniges Tuten los, ich musste immer auf die andere Seite rennen, um das Tuten auszustellen. Anyway – Tenzin hat das Ganze richtig locker weggesteckt. Ich fühlte mich jedenfalls an meine Kindheit erinnert. Als wir noch in Mecklenburg lebten, war ich auch mal im Krankenhaus. Und in meiner Erinnerung sehe ich mich mit anderen Kindern an Tischen sitzen – vielleicht ist diese Erinnerung auch falsch – und wir essen Kartoffeln mit Rührei und Spinat. Eine weitere Erinnerung stammt aus Berlin. Die Prenz’lberger werden sie vielleicht kennen: Die Poliklinik in der Christburger Straße. Als junge Mutter muss ich ja nun auch ständig zum Arzt, dann hocke ich da mit Tenzin in der vollen Praxis und warte und warte, um uns herum die ganzen Kinder.

Letztens war ich in der Schule, wo ich Deutsch unterrichtet habe (und ab 1. März auch wieder zwei Nachmittage unterrichten werde). Dort meinte ein Kollege, dass eine Großstadt wie München eigentlich ziemlich stressig für Kinder sei. Stimmt, aber nicht nur für Kinder, sondern mindestens genauso für die Eltern. Ich denke da nur an stinkende Lifte am Haupfbahnhof, oder kaputter Lift und Rolltreppen, die nur in die andere Richtung fahren, so dass man gezwungen ist, zur nächsten Haltestelle zu laufen. Leute, die einen anmauzen: Gendun stand einmal auf der Rolltreppe nicht weit genug am Rand, so dass eben leider keine durchkam. Und eine Frau musste dann wirklich losmeckern. Dafür dann aber wieder der Satz einer anderen Frau, die meinte, wir sollten uns nicht ärgern lassen. Einmal war ich bei einer Freundin zu Besuch, habe den Kinderwagen in den Hausflur gestellt. Als ich herunterkomme, ist der Wagen weg. Herzstillstand. Nun, der Wagen fand sich im Keller, leider verstellt. Und mit dem Verstellen hatte ich mich noch nicht beschäftigt, so dass wir dort eine Nachbarin erst einmal fragen mussten, die selbst Kinder hat. Gestern war das Nachtreffen meiner Schwangeren-Yoga-Gruppe, die Frauen hatten teilweise noch viel ärgere Geschichten zu erzählen.

Meine Schwester erwartet ja nun auch ihr Kind, bald ist es so weit. Unser Mailverkehr sieht dementsprechend aus: Es werden die Vorzüge von Stoffwindeln erläutert, über Milchpumpen wird geschrieben oder über die Pflegeprodukte für Babys.

Letztes Wochenende waren wir in Berlin, alle drei, die erste Reise mit Zug und Auto. Tenzin hat alles gut weggesteckt. Im Zug hatte ich ihn manchmal im Tragetuch, beim Autofahren hat er geschlafen. Trotzdem mal wieder die Lektion, dass Kinder das Tempo vorgeben. Er war doch recht unruhig, so dass wir einen Besuch cancelten und nur die Merseburger Oma besuchten. Von Berlin haben wir diesmal nichts gesehen, mal abgesehen vom Teltowkanal.

Gendun hat letztens ausdrücklich zu mir gesagt, ich dürfe auch schreiben, was anders ist zwischen Tibetern und Deutschen. Also, fange ich damit an. Bei Gendun merkt man, dass auch in Tibet die Babys Frauensache sind. Er ist ein liebevoller Vater, wechselt auch mal die Windeln, wenn er zu Hause ist. Aber die Beschäftigung direkt mit dem Kind, ist manchmal etwas schwierig. Wenn ich mal meine Ruhe haben will und ich ihm Tenzin gebe, dann muss ich ihn manchmal direkt an den Wickeltisch, auf dem Tenzin gerne liegt, schicken, damit er dort mit Tenzin spielt. Ich gebe zu, auch für mich ist es nicht immer spannend, unser Wollpuschelmobile für Tenzin zu bewegen, mit der Rassel zu klappern und irgendwelche komischen Sprüche von mir zu geben. Aber so ist es eben.

Zum Abschluss dieses Baby-geprägten Textes: Tenzin lacht uns nun richtig an. Und da geht mir natürlich das Herz auf. 🙂

April

Gestern war mein 34. Geburtstag. Mit Kind kann man ja nicht mehr „angemessen“ feiern. Unser Tag fing nun auch damit an, dass wir gleich in der Früh zum Bereitschaftsarzt gingen, weil Tenzin die Nacht schlecht geschlafen hatte, rumhustete und schnupfte. Also diese Bereitschaftsarztpraxis ist wirklich komisch, bis jetzt habe ich da nur merkwürdige Ärzte erlebt. Gestern die Ärztin auch – sie sah aus, als sei sie gerade aufgestanden. Sie untersuchte Tenzin mehr oder weniger im Vorbeigehen, auch wenn sie natürlich im Zimmer blieb. Sie hatte überhaupt nichts Verbindliches an sich. Jedenfalls Diagnose Krupp oder Pseudokrupp. Sie verschrieb uns ein Medikament, wie sich später herausstellte, erklärte sie mir die Anwendung auch nicht ganz korrekt. Man sollte eben doch lieber nochmals die Anleitung lesen. Sie sagte noch, frische Luft und feuchte Tücher auf der Heizung seien gut. Also sind wir doch noch frühstücken gegangen. Eigentlich war das Wetter nicht wirklich dazu geeignet, um draußen zu frühstücken, aber drinnen war alles voll und natürlich verraucht (insofern freue ich mich schon auf das Rauchverbot in den Kneipen) und die Ärztin hatte ja eh frische Luft verordnet. Gendun hatte mich zum Frühstück eingeladen, und das habe ich dann auch sehr genossen. Trotz kalter Beine irgendwann. Nachmittags waren wir spazieren und sind zur Fußgängerzone gelaufen. Während ich gerne Grün um mich herum habe, wenn ich laufen gehe, bevorzugt Gendun mehr Fußgängerzone, Marienplatz o.ä., weil es da mehr (Menschen) zu gucken gibt. Er liebt diese Pantomimen (?), die regungslos dastehen und sich nur bewegen, wenn man ihnen Geld in den Hut wirft. (Mittlerweile geht es Tenzin auch schon besser, er bellt zwar immer noch fürchterlich, aber er ist gut drauf und lacht.)

Von stinkenden Fahrstühlen und den Unwegsamkeiten, wenn man mit Kinderwagen unterwegs ist, schrieb ich schon. Es bleibt ja auch wirklich kaum jemand stehen, wenn man mit dem Kinderwagen an einer Treppe steht. Letztens musste ich fast in jemanden reinrennen, damit er mit dem Wagen hilft. Irgendwann war ich mal wieder mit Kinderwagen unterwegs und wollte Bus fahren. Ich hatte Glück, dass ich als letzter Kinderwagen einstieg, denn im Laufe der Zeit wurden es fünf, die auf der Stellfläche standen. Irgendwie zu viel, jedoch war der Busfahrer so unfreundlich, dass er erst einmal ewig wartete, bis er sagte, dass man vom gelben Streifen an der Tür wegtreten sollte. An einer anderen Haltestelle sagte er wieder nichts, ein älterer, türkischer Herr stieg ein und stand an der Tür, die Tür ging wieder nicht zu. Keiner sagte irgendetwas, ich war zu weit weg. Letztlich meckerte der Busfahrer wieder rum, was dazu führte, dass der alte Mann ausstieg und nicht mitkam. Etwas, worüber ich mich auch immer wundere, wenn ich mit dem Fahrstuhl fahre, ist das Wort „Sperrengeschoss“ – damit gemeint ist die Etage zwischen Oben und Unten, also Oberfläche und Bahnsteig. Aber kann mir jemand verraten, warum es Sperrengeschoss heißt? Was wird da gesperrt? Ich verstehe es nicht.

Tenzin soll ja zweisprachig aufwachsen, deshalb redet Gendun mit ihm (fast) ausschließlich Tibetisch oder Amdo-Dialekt. Manche Wörter übernehme ich auch, weil sie eben netter klingen bzw. es versteht keiner, wenn wir davon reden. Z.B. Shishi und Ara sind die Kinder-Wörter für Pipi und Kaka. Ich sage auch Lolo zu Tenzin, das ist das Amdo-Wort für Baby oder Shile, das Wort für Junge. Oder auch „Oma tung“, dann sprechen wir jedoch nicht von meiner Großmutter, sondern wollen Tenzin sagen, dass er Milch (=Oma) trinken soll. Dies führt jedoch dazu, dass ich wesentlich öfter an meine Oma denke, weil ich immer das Wort im Munde führe.

Ich weiß nicht warum, aber viele Leute sagen, Tenzin sähe aus wie ein Buddha. Wenn ich mir die tibetischen oder japanischen Buddhas anschaue, dann sind die eigentlich recht rank und schlank, Tenzin dagegen mit seinen nun bereits sieben Kilo (mein armer Rücken!) eher nicht. Vielleicht denken die Leute dabei an diese chinesische Figur von diesem lachenden, dicken Mann, der im Schneidersitz sitzt. Ich dachte auch immer, dass sei ein Buddha, aber Gendun klärte mich auf und sagte, dass sei … (ein chinesischer Name, den ich mir nicht merken konnte), der Kinder sehr liebte. Aber ist ja auch egal. Besser man sieht aus wie ein Buddha als wie ein Höllengeist.

Seit einem Monat arbeite ich nun jeden Donnerstag und Freitag Nachmittag wieder als Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache. Bis jetzt kam immer eine tibetische Bekannte, um auf Tenzin aufzupassen. Aber wir müssen uns wohl nach jemand anderen umsehen, also wenn jemand eine Idee hat, dann lasst es uns wissen.

Wenn wir, Gendun und ich, über unsere Zukunft sprechen, dann kommt das Gespräch natürlich immer auch auf Tenzin und z.B. Krippenplatz. Gendun meinte, es sei ja klar, warum die Deutschen nur so wenig Kinder hätten, weil es zu wenig Krippenplätze gäbe oder auch zu wenig Geld. Er sagt auch immer, wir hätten mit Tenzin einen BMW gekauft. Ich weiß nicht, wie viel ein BMW kostet. Aber ich bin mal auf die Seite von BMW – es dauert etliche Klicks, bis man einen Preis findet. Die 3er Limosine kostet zwischen 25.000 und 45.000 €. Irgendwo habe ich mal eine Zahl gelesen, wie viel man für sein Kind ausgibt, bis es aus dem Haus ist. Es war eine Zahl über 100.000, vielleicht 120.000 €. Ich habe Gendun nicht gesagt, dass wir für Tenzin auch zwei oder drei BMW kaufen könnten.

Die Zeit mit Tenzin genieße ich zurzeit wirklich sehr. Er ist sehr munter, „plappert“ schon rum, er guckt aufmerksam herum. Und das Schönste ist, wenn er LAUT lacht. Herrlich.

Übrigens bin ich nun auch Tante geworden: Mein Neffe Joel Thalwitzer wurde am 14. März 2007, gegen acht Uhr, in Windhoek geboren. Meine Schwester hatte es ähnlich erwischt wie mich, ihr Sohn musste auch einen Monat früher geholt werden. Aber die Familie ist glücklich vereint und genießt das Familienleben.

01. April 2007

ps: Am Mittwoch werde ich den Mietvertrag für eine 80 qm-3-Raum 🙂 – Wohnung wieder im Westend unterschreiben. Weitere Infos im nächsten Monat.

Mai

Wieder ist ein Monat vorbei. Es bleibt abwechslungsreich und teilweise auch stressig. Nicht nur, dass wir eine neue Wohnung gefunden haben, sondern wir waren leider gezwungen, eine neue Kinderfrau für Tenzin zu suchen. Aber alles der Reihe nach. Fangen wir mit dem Schönen an.

Tenzin ist nun ein halbes Jahr alt und, wie es so schön auf Arztchinesisch heißt, „korrigiert“ vier Monate. Vor etwa einem Monat waren wir bei der entwicklungsneurologischen Untersuchung, bei der uns die Ärztin bescheinigte, Tenzin wäre wie ein Drei-Monatskind, also ganz normal. Was kann er schon? Auf dem Bauchliegen und Gucken, Glucksen, viel Lachen (und auch viel Schreien), nach Sachen greifen, die vor ihm hängen.

Um die Osterzeit herum gab es in der Drogerie so schöne bunte Blumen als Deko, die ich für Tenzins Wickeltischplatz kaufte und an der Wand und der Decke befestigte, damit er was zum Gucken hat. Und dann sagte ich ihm immer: „Schau mal, da ist eine rote Blume und eine grüne Blume und eine gelbe Blume.“ Ich war ganz stolz auf meine kleine Errungenschaft und die Idee mit den Blumen. Ich erzählte der Krankengymnastin davon, die mich gleich wieder auf den Teppich holte und meinte, Babys können noch nicht gleich Farben sehen. Aber jetzt habe ich gerade im Internet nachgeschaut, ab dem vierten Monat können sie dann auch endlich die wunderschönen Farben dieser Welt sehen.

Kennt Ihr das Schaukelsyndrom? Wenn Ihr eine Frau seht, die an der Ampel oder im Gespräch hin- und herschaukelt, könnt Ihr fast sicher sein, dass sie ein Kind hat. Mir zumindest geht es so, dass ich manchmal, auch ohne dass ich Tenzin auf dem Arm habe, hin- und herwippe. Oder letztens stand ich an der Ampel, Tenzin hatte ich im Tragetuch. Und was machte ich mit dem leeren Kinderwagen? Ich schob ihn hin und her, als wollte ich Tenzin beruhigen, der jedoch seelenruhig an meinem Bauch kuschelte.

Über Bemerkungen der lieben Mitmenschen zu Müttern / Vätern schrieb ich schon. Die Krönung erlebte ich letztens im Westpark, als ich mit Tenzin im Kinderwagen spazierte. Ich ging auf einem dieser Hauptwege, also auf einem Weg, der wirklich breit ist, bestimmt fünf Meter. Ich lief links und mir kam eine ältere Dame (darf ich sie noch so bezeichnen?) entgegen, die mir sehr verärgert an den Kopf warf: „Rechts gehen!“ Vielleicht verleitete sie der asphaltierte Weg dazu, zu denken, dass sie sich auf einer Straße befände. Übrigens waren wir nur zu zwei (bzw. zweieinhalbt), als wir uns auf einer Höhe trafen und die Frau war nicht wirklich dick, sie hatte also genug Platz auf dem Weg. Was geht in den Köpfen der Menschen vor!?

Kleine Kinder sind ein Wunder und ein Rätsel. Tenzin hat momentan eine kleine Schrei-Quengel-Phase, wobei die fast schon wieder weg ist, glaube ich. Ich kann noch immer nicht ganz verstehen, wann er müde ist und wann er Hunger hat. Für mich klingt das Schreien meist ähnlich. Vielleicht muss ich ihn mehr beobachten, um das Rätsel zu lösen. Aber er ist vor allem ein großes Wunder. Wenn er lacht und gluckst, das sind einfach so schöne Momente im Leben.

Seit zwei Monaten arbeite ich. Unsere erste Kinderfrau, eine tibetische Freundin von Gendun, machte es sehr gut. Leider wurde sie in eine andere Stadt verlegt und wir waren gezwungen, eine neue zu finden. Durch Zufall traf ich auf eine Familie, die auch ein gleichaltriges Kind hat, die mir anboten, es mit beiden zu versuchen. Leider stellte es sich doch als zu stressig heraus. Also, standen wir wieder ohne Betreuung da. Tenzin war in dieser Zeit ungeduldig, schrie öfter, wahrscheinlich fühlte er den Stress. Dann gab ich eine Anzeige in der Zeitung auf, weil ich gern weiter unterrichten wollte. (Hoffentlich bekommen wir dann auch einen Folgekurs im Juni.) Es meldeten sich etliche. Es gab einige interessante telefonische Begegnungen. Ein jugoslawischer Mann rief an, weil seine Schwester eine Arbeit suchte. Ich fragte ihn, warum denn seine Schwester nicht anriefe, woraufhin er mir sagte, dass sie nicht so gut Deutsch könne. Eine sehr sympathische Studentin, die ich zum einem Gespräch eingeladen hatte, rief dreißig Minuten nach dem Termin an, sie hätte verschlafen, weil sie gestern erst sehr spät nach Hause gekommen sei. Wir hatten 12:30 Uhr ausgemacht. Ein Mann stellte sich vor, obwohl ich in der Anzeige schon „Kinderfrau“ geschrieben hatte. Er ist Erzieher, gerade nach München gezogen, wollte nicht mehr Vollzeit an einer Stelle arbeiten, sondern als Selbstständiger Kinder betreuen. Er war schon sympathisch, aber Gendun und ich, wir waren uns einig, dass wir lieber eine Frau als Betreuung für Tenzin haben wollten. Ob das jetzt diskriminierend war? Wir entschieden uns dann für eine 52jährige Frau, die selbst Erzieherin ist und 5 Kinder hat. Ich denke, sie hat genug Erfahrung und vielleicht auch die nötige Ruhe. Wir lassen uns überraschen.

Während dieser Zeit kam ich mir etwas wie eine Rabenmutter vor, die unbedingt – auf Kosten des Kindes – arbeiten gehen will. Aber es ist ja Quatsch. Zehn Stunden sind nicht so viel. Es war eben nur dumm gelaufen mit der Betreuung.

Aber jetzt zu unserer neuen Wohnung. Sie befindet sich auch im Westend, nur eine U- bzw. S-Bahnstation weiter. Für mich ist das sehr praktisch, weil ich es dann nicht so weit zum Deutschkurs habe. Und außerdem habe ich Tenzin hier in den Krippen angemeldet. Sie ist knapp 80 qm groß, hat drei Zimmer, einen Minibalkon nach Westen raus, einen langen Flur, eine kleine Küche und ein kleines Bad. Es ist meine erste richtige Wohnung. Ich habe mal überlegt, wo ich schon überall gewohnt habe. Zuerst in Dargun, wo meine Eltern als Lehrer arbeiteten. Dort hatten wir eine Wohnung an einem kleinen Platz am Rathaus. Die Wohnung hatte Plumpsklo auf dem Hof. Die nächste Wohnung war eine 1-Zimmer-Wohnung in Berlin, Dimitroffstraße, in der wir zu viert wohnten. Die Betten von uns Kindern standen in der Küche. Ich glaube, wir hatten das WC eine halbe Treppe tiefer. Dann zogen wir in die Zelterstraße – eine 2-Raum-Wohnung. Nach der Trennung meiner Eltern zogen wir zu dritt in die Straßburger Straße mit Dusche in der Küche, eine 3-Raum-Wohnung, wo ich mir mit meiner Schwester ein Zimmer teilte, bis ich fast 18 war. Für etwa ein halbes Jahr zog ich mit meiner Mutter und Schwester nach Lichtenberg, bis ich wieder in die Zelterstraße zog, wo mein Vater sein Büro hatte, später konnte ich eine WG daraus machen. Der alte Küchenschrank, Tisch und zwei Stühle aus dieser Wohnung werden auch erst einmal mit in die neue Wohnung ziehen. Nach dem Studium zog ich von Praktikum zu Praktikum, wohnte in Mainz in einer WG mit einer komischen, älteren Dame, die Bioabfall und Kaffeesatz erst einmal trocknet, bevor sie alles in den Bioeimer warf. Danach folgten diverse WG’s und diese kleine 1,5-Zimmer-Wohnung unter dem Dach, die für eine Person ideal, für zwei Personen okay war, mit Kind jedoch etwas unpraktisch. Am 9. Mai bekommen wir den Schlüssel und Christi Himmelfahrt plus Wochenende werden wir umziehen.

So, Tenzin schläft gerade noch einmal, es ist morgens kurz vor sieben. Und ich nutze diese Zeit immer für mich selbst. Macht’s gut und kommt gut in den Mai.

Juni

Ob ich will oder nicht, momentan ist mein Leben doch sehr kindbestimmt, also hat auch alles, was ich erzähle irgendwie mit Tenzin zu tun. Selbst meine erste Geschichte, denn die trug sich zu, als ich mit Tenzin im Westpark spazieren war: Ich schiebe also meinen Kinderwagen an einem Jungen und einem Mädchen vorbei, die sich unterhalten. Ich glaube, das Mädchen wollte sich mit dem Jungen treffen oder dass er mitkommt. Das Mädel, sehr verärgert, ruft laut ironisch aus „Eine alte Freundin…!“ – woraufhin der Junge erwidert: „Ich habe sie seit Jahren nicht mehr gesehen.“ Es sei angemerkt, dass die beiden vielleicht acht Jahre alt waren, und der Vater des Mädchens wartete ein paar Meter entfernt. Ich fand es nur sehr komisch, wenn ein Achtjähriger von „Jahren“ redet.

Dann gibt es noch zwei Supermarktgeschichten: Letztens wurde bei uns ein Feneberg (den Allgäuern ist dieses Geschäft bekannt) aufgemacht. Vor mir an der Kasse stand eine Frau, ebenfalls mit Kinderwagen. Auch ihr bot der Verkäufer als Eröffnungsgeschenk eine kleine Packung Wurst an. Die Frau lehnte fast entrüstet ab – vielleicht eine Vegetarierin. Und was passiert mir? Wahrscheinlich schloss der Kassierer von einer Kinderwagenfrau auf die nächste, denn mir bot er keine Wurst mehr an. Dabei hätte ich sie für Gendun gerne mitgenommen, aber es war mir dann auch zu doof, extra danach zu fragen. Die zweite Geschichte findet regelmäßig im ALDI statt. Es ist ja einerseits toll, dass die Verkäufer die ganzen Sachen so schnell durchziehen (ob die Prozente bekommen?), aber andererseits wenn ich mit meinem Kinderwagen da stehe und nur einen Beutel mithabe, komme ich jedes Mal in die Bredouille, weil ich gar nicht so schnell hinterherkomme. (Und warten muss der Nächste dann sowieso.) Jedenfalls meinte ich letztens zum Kassierer, warum sie immer so schnell machen müssten. (Mama, ich war freundlich!) Der fühlte sich gleich auf den Schlips getreten und meinte, er hätte mir doch nichts getan. Jetzt wohnen wir ja etwas weiter weg, in unserer Nähe ist nun der LIDL, dort ist es ähnlich, aber mir gefällt der Laden nicht, also werden wir dem ALDI nicht untreu werden.

Anfang des Monats hatten wir und Tenzin mit dem Einschlafen zu kämpfen. Bis dahin klappt es immer ohne große Ritualgeschichten, aber auf einmal dauerte es mitunter zwei Stunden, bis er endlich wirklich einschlief. Ich stillte ihn, legte ihn ins Bett, entweder sofort oder nach zwanzig-dreißig Minuten fing er wieder an zu weinen. Schon fangen die Gedanken an zu kreisen? Was hat er? Ich dachte mir, vielleicht hatte er tagsüber so viel erlebt, weil er ja nun auch viel neugieriger und wacher geworden war. Anyway – er wird es uns nie erzählen können, aber wir müssen ihn trotzdem zum Einschlafen bringen. Auch tagsüber war es mitunter schwierig, er fing wieder im Kinderwagen an zu Weinen, sobald man ihn reinlegte. Nun probierte ich die verschiedensten Dinge: Chamomilla-Globuli, also etwas Homöopathisches, das soll beruhigen. Die bekommt er immer noch. Ich nähte zwei kleine Stoffsäckchen und füllte diese mit Lavendel, weil die ätherischen Öle des Lavendels ebenfalls beruhigen sollen. Eines liegt im Kinderwagen, eines in seinem Bettchen. Das war soweit gut. Tagsüber ging es dann wieder. Aber dass schwierige Einschlafen blieb. Also versuchte ich es nun mit einem Einschlafritual. Ich suchte mir ein Schlaflied, entschied mit anfangs für „Der Mond ist aufgegangen“, aber irgendwie als ich dann in einem Liederbuch den ganzen Text fand, in dem es zum Schluss auch noch um uns böse Sünder ging, war meine richtige Einstellung zu diesem Lied dahin. Man macht sich ja als Mutter die komischsten Gedanken: Ist Tenzin schon ein kleiner Buddhist, dass er auf dieses Lied nicht richtig ansprach? Oder konnte er meine Skepsis diesem Lied gegenüber spüren? Aber wahrscheinlich dauerte es einfach eine Weile, bis sich das Ritual einspielte. Nun singe ich ein anderes Lied, nämlich „Weißt Du, wie viel Sternlein stehen“, das ich schon als Kind liebte. Da kommt zwar auch Gott drin vor, aber ich finde, dieses Lied hat etwas von Geborgenheit. Wenn er dann seinen Schlafanzug angezogen hat, gehen wir zu seinem Bettchen, dort hängt ein Bild von Tara, einer weiblichen buddhistischen Gottheit, die für langes Leben sorgt, und sagen ihr Gute Nacht. Also habe ich auf einfache Weise beide Religionen im Gute-Nacht-Ritual verbunden.

Kurz vor unserem Umzug war Tenzin eine Woche lang richtig zornig. Ich wusste erst gar nicht so richtig, warum. Aber wahrscheinlich haben Kinder doch so kleine, unsichtbare Antennen und merken vieles, was wir nicht glauben. In dieser Woche musste ich einfach Kartons packen und ich war nicht hundertprozentig bei ihm. Er spürte, dass etwas passiert und ihm fehlte meine Aufmerksamkeit. Denn nun hat sich wieder alles eingespielt und wir haben unseren alten Rhythmus wieder. Morgens nach dem ersten Stillen schläft er noch einmal ein-zwei Stunden. Dann ist Waschen angesagt, vormittags gehen wir einmal raus, dann kann ich Einkäufe erledigen und er schläft vielleicht eine Stunde im Kinderwagen. Mittags macht er eine halbe Stunde Mittagsschlaf. Nachmittags gehen wir dann ein-zwei Stunden im Westpark spazieren. Da schläft er auch nochmals, aber mitunter nicht mehr so lange, weil er einfach munterer geworden ist und gucken möchte. Wenn ich merke, dass er gegen 18 Uhr wieder müde ist, lege ich ihn kurz hin, aber um acht geht es dann wirklich ins Bett. Das klingt jetzt alles so, als würde er nur schlafen, aber dem ist natürlich nicht so. Tenzin spielt, manchmal auch wirklich allein, auf seiner Matte, bzw. er lernt, nämlich sich zu drehen, hin und zurück, das kann er schon. Abends hat er meist keine Lust, allein auf der Matte zu liegen, dann ist Entertainment gefragt. Tenzin ist jetzt sieben Monate alt, korrigiert fünf. Eigentlich wollte ich gaaaaanz lange voll stillen, aber Tenzin ist so neugierig geworden, greift nach unseren Tassen und Löffeln, nun haben wir doch angefangen. Mit Karottenbrei – was für eine schöne Sauerei.

Ich bin ja nun fast eine Vollzeit-Mama, d.h. man sollte denken mit genug Zeit für den Haushalt. Deshalb nehme ich mir manchmal abends vor, etwas für Gendun zu kochen, wenn er nach seinen teilweise langen Arbeitstagen nach Hause kommt. Aber meistens endet dies in Ärger. Komisch. Aber es ist so, dass Tenzin abends oft mehr Aufmerksamkeit will, und wenn ich dann koche, bekommt er die nicht. Also bin ich genervt, weil ich kochen und mich gleichzeitig um Tenzin kümmern möchte, aber das geht natürlich nicht. Mittlerweile mache ich mir den Stress nicht mehr, denn Gendun sagt mir immer wieder, ich brauche im Haushalt nichts zu machen, auch nicht abzuwaschen.

Noch in unserer alten Wohnung besuchte uns Papa mit Doris, es war ein schöner Abend mit viel Erzählen, leckeren Momos. Wir hatten uns ja auch lange nicht gesehen, über ein Jahr, denke ich. Nun können aber auch in unserer neuen Wohnung die Besuche kommen, denn wir haben nun wirklich Platz für Gäste.

Unser Umzug ist gut verlaufen. Mittwochs holte ich mit einem alten Schulfreund meinen schönen alten Kleiderschrank, den wir in die alte Wohnung nicht reinbekommen hatten, aus Kempten. Gendun stößt sich ja immer an meinen alten Möbeln, die teilweise auch wirklich nicht mehr gut sind und verstand deshalb nicht, warum ich unbedingt einen Mietwagen nehmen musste, um den Schrank zu holen. Aber als der Schrank dann bei uns im Schlafzimmer stand, musste auch er eingestehen, dass der schön ist. Donnerstag zogen wir dann den ganzen Umzug durch. Eine Woche später ist nun die Wohnung eingerichtet. Es stehen vielleicht noch vier Kartons rum, die ausgepackt werden müssen, Lampen fehlen, aber ansonsten können wir uns hier gut erholen, gerade jetzt, wo es so heiß ist. Ungewohnt ist, dass wir nun wieder ein Gegenüber haben. D.h. wir können in andere Fenster gucken, aber auch bei uns können natürlich andere Leute reinschauen. Und es ist lauter als vorher.

Drei Monate hatte ich Deutsch unterrichtet an meiner alten Schule. Leider erfuhr ich nun, eine Woche vor Ende des Kurses, dass es für mich keinen neuen Kurs geben wird. Das war ziemlich kurzfristig, und deshalb fand ich es auch nicht sehr schön. Denn wir hatten ja nun auch eine gute Kinderfrau gefunden, die wir nicht verlieren möchten. Aber ich habe meine Fühler schon ausgestreckt, die Kinderfrau versprach, sich etwas zu gedulden. Also bin ich ganz optimistisch. Wir haben bis jetzt immer so viel Glück gehabt: Gendun hatte schnell eine Arbeit gefunden, auch ich hatte immer Arbeit, unser Sohn kam gesund, wenn auch zu früh auf die Welt, Gendun bekam im Winter Schlechtwettergeld, nun haben wir die neue Wohnung und im Sommer können wir nach Tibet fahren. Was wollen wir mehr?!

Das Leben ist schön, oder?

Juli

Eine Anmerkung zu den Liedern: Kinderlieder sind gut und schön, aber dafür laufe ich nun mit Ohrwürmern herum. Zurzeit habe ich den Ohrwurm „Kleine Schnecke, kleine Schnecke, krabbelt rauf, krabbelt rauf, krabbelt wieder runter, krabbelt wieder runter, kitzelt dich am Bauch“ auf die Melodie von Bruder Jakob. Oder bei unserem Gute-Nacht-Lied bringe ich immer die Verse durcheinander, so dass der Vers „Kennt auch dich und hat dich lieb“ bereits nach den Mücken und Fischlein kommt o.ä.

In unserer neuen Wohnung haben wir ja nun auch ein Sofa, nein, eigentlich zwei. Zwei gebrauchte, ein schwarzes und ein weißes. Gendun bekam über einen Kollegen das Angebot, ein schwarzes Ledersofa zu kaufen, das man auch zum Liegesofa ausklappen kann. Wir dachten, perfekt für Gäste. Also fuhr Gendun eines Abends mit dem Kollegen los, um das Sofa zu kaufen. Sie riefen mich noch an, um zu sagen, dass das Sofa okay sei, man es jedoch nicht mehr ausklappen könne, aber sie wollten den Preis noch runterhandeln. So weit, so gut. Dann kamen sie zu uns nach Hause in die alte Wohnung und tragen ein weißes! Sofa hoch und stellten es in unser kleines Schlafzimmer. Dazu noch ein passender Lederhocker. Ich verstand die Welt nicht mehr und meinen Mann auch nicht, weil er immer noch etwas von einem dritten Sofa erzählte, und wo war das schwarze? Nun, das schwarze stand beim Kollegen im Keller, weil wir keinen Platz mehr hatten, ein drittes, passend zum weißen, hätte er noch geschenkt haben können. Und ich dachte nur, was sollen wir mit zwei Sofas, selbst wenn sie nur 100 Euro gekostet haben. Aber nun passt es schon, eins steht im Wohnzimmer und macht sich sehr gut. Das weiße steht im Schlafzimmer und ist zurzeit meistens vollgemöhlt.

Mittlerweile zählen wir die Wochen und Tage bis zu unserem Abflug nach Tibet am 3. August. Ich bin so gespannt, was mich erwarten wird. Zum ersten Mal werde ich meine Schwiegermutter sehen, vom Rest der Familie ganz zu schweigen. In Tibet leben vier Brüder (alle verheiratet) und die kleine Schwester von Gendun. Der Bruder aus Frankreich wird in dieser Zeit auch in Tibet sein. Wir sind nur einen Monat dort, weil Gendun nicht mehr Urlaub machen kann. Es wird natürlich in erster Linie ein Familienurlaub, Gendun will auch seine ganzen Freunde treffen. Aber trotzalledem soll noch genug Zeit bleiben, um sich etwas anzuschauen: Kumbum, Labrang, Rebkong, drei Klosterstädte, und der See Kokonor. Wir werden über Peking nach Xining (auf Tibetisch Ziling) fliegen. Xining ist die Provinzhauptstadt von Qinghai. Wer sich für das Wetter in Xining interessiert, kann hier nachschauen: Wetter in Xining. Leider funktioniert der Link nicht direkt, Ihr müsst den Ortsnamen selbst eingeben. Von dort geht es dann mit dem Bus nach Rebkong bzw. in das Dorf von Genduns Familie in der Nähe. Rebkong ist nicht weit entfernt von Genduns Dorf. In das Kloster von Rebkong wechselte er nach einigen Jahren in seinem Dorfkloster. Rebkong (=Tongren) ist bekannt für seine Thangka-Maler (Thangkas sind buddhistische Malereien, meist Meditationsbilder mit den verschiedenen Gottheiten). Hier soll das älteste tibetische Kloster in Amdo stehen. Das Kloster von Kumbum wurde am Geburtsort von Tsongkapa, dem Begründer der Gelugpa-Schule des Tibetischen Buddhismus, der auch der Dalai Lama angehört, erbaut. Die Legende sagt, dass der Meister unter einem Lindenbaum geboren. Nach seiner Geburt trug der Baum 100.000 Blätter, und jedes Blatt war mit dem Bild einer Buddha-Statue versehen. Unter diesem Baum wurde die erste Pagode erbaut, die weiteren Tempelanlagen folgten. Das Kloster Labrang gehört zu den sechs größten tibetischen Klöstern der Gelugpa (=Gelbmützen)-Schule. Hier gibt es eine große Maitreya-Statue, also eine Statue des zukünftigen Buddhas. Früher sollen hier 3000 Mönche gelebt haben und jetzt wieder 2000 sein. Mehr Infos bei Wikipedia: Labrang. Der Kokonor-See ist einer der größten Salzseen der Erde, siehe auch hier: Kokonor. In der Mitte des Sees liegt eine kleine Insel, auf die sich Mönche zum Retreat, also zum einsamen Meditieren, zurückziehen. Früher gelangten die Mönche nur im Winter auf die Insel, wenn alles zugefroren war. Sie mussten ihr ganzes Essen mitnehmen und blieben dann für einige Monate auf der Insel bis zum nächsten Winter oder länger, so erzählte mir Gendun. Der See muss so groß sein, dass sich Himmel und Wasser am Horizont berühren. Ob wir den heiligen Berg Amnye Machen sehen werden, weiß ich noch nicht. Das ist in der kurzen Zeit mit Kind vielleicht etwas schwierig. Westlich des Kokonor erhebt sich das Massiv des 6282 m hohen Berges. Was für den Westen Tibets der Kailash ist, das ist für den Osten Tibets dieser heilige und geheimnisumwitterte Berg. Die Wasser der Gletscherbäche des Amnye Machen, die die Quellflüsse des „Gelben Flusses“ oder „Ma Chu“, wie der Oberlauf in Tibet heißt, bilden, gelten als heilkräftig, insbesondere gegen Lepraerkrankungen.

Unsere Visa haben wir nun auch erhalten. Es kann also losgehen. Aber es sind noch so viele Fragezeichen. Zum Beispiel Thema Windeln: Mit oder ohne? Die typischen chinesischen Hosen mit Schlitz? Gibt es dort Windeln? Wenn ja, überall? Wir trainieren hier zu Hause ja schon die Windelfrei-Methode, aber nicht durchgängig. Wir werden eine Packung Windeln (für die Nicht-Eltern: In einer Packung sind etwa 40 Windeln drin und man (bzw. Baby) braucht etwa 5-6 Windeln am Tag) mitnehmen und uns dann überraschen lassen. Genduns Mutter hat ihre sieben Kinder auch ohne Windeln großgezogen. Sie sagt, sie hat immer gemerkt, wann sie mit dem Baby aufs (Plumps-) Klo oder einfach raus musste. Mittlerweile „sendet“ mir Tenzin auch Signale. Aber genug von Babys und Windeln. Ihr müsst jetzt einfach auf den Reisebericht warten. Den gibt es irgendwann im September oder Oktober.

Ende letzten Monats dachte ich noch, ich hätte eine Kinderfrau, aber keine Arbeit mehr. Aber es geht immer schneller als man denkt und schon wieder hat sich etwas geändert. Ich bin mal wieder auf einer Baustelle gelandet, wobei noch nicht ganz. Momentan mache ich eine Krankheitsvertretung (sogar mit zwanzig Stunden in der Woche, also das Doppelte wie vorher) bei Züblin für eine Baustelle ganz in meiner Nähe. Da aber die Telekom-Leitung (was sonst!) noch nicht steht, sitze ich momentan noch in der Münchner Zentrale. Und die befindet sich in den Highlight-Tower (siehe im Internet: http://de.wikipedia.org/wiki/Highlight_Towers), einem Glaspalast. Die Fahrstühle sehr schnell, so dass einem der Magen in die Knie rutscht, wenn man aus dem Fenster schaut, wird einem auch gleich schlecht (und das, obwohl ich mal geklettert bin). Mal schauen, was daraus wird. Denn sie suchen auch jemanden, der dann nach der Vertretung unterstützend weiterarbeitet.

Habe ich geschrieben, dass Tenzin unser großer Sonnenschein ist? Er dreht und rollt sich und robbt durch das ganze Wohnzimmer. Ich warte immer darauf, dass er irgendwann im Türrahmen zur Küche liegt. Momentan liegt er manchmal auf dem Rücken, hat einen Arm ausgestreckt, dreht seine Hand hin und her und schaut ganz fasziniert auf die Hand. Ich sag Euch, besser als jedes Fernsehprogramm. Es macht wirklich Spaß. Meistens zumindest. Jetzt haben wir auch mit der „Beikost“ angefangen, d.h. er bekommt auch (brei-) feste Nahrung, seit gestern auch abends, also zweimal täglich. Das schon als Übung für Tibet, aber das schrieb ich wohl schon letzten Monat. Mal sehen, wie ich dort essen kochen kann. Pürierstab nehmen wir mit, Kühlschrank und Gefrierschrank gibt es. In Tibet sollen die Mütter ja eigentlich vorkauen und dann, wie die Vögel, von Mund zu Mund füttern. Ob das heute noch so gemacht wird?

Ihr seht, ich habe viele Fragen für unsere Tibetreise. Lasst Euch überraschen.

August

Zum Anfang zwei Windelstories: Meist bekomme ich nur wenige Reaktionen auf meine monatlichen News. Ich weiß, dass bestimmte Leute sie lesen. Und das war’s. Aber letztens bekam ich einen Brief von meiner Großtante Ursi aus Merseburg, die sich die Mühe gemacht hatte und in verschiedenen Lexika zum Thema Windeln nachgeschlagen, sogar in einem von 1936 und in einem alten DDR-Lexikon, glaube ich. Jetzt haben wir es ja mal nachts ohne Windeln ausprobiert, weil es so warm ist und Tenzin sich nicht so wohl fühlte. (Einmal war er wirklich quengelig und als ich die Windel wegnahm, war er wie ausgewechselt.) Jedenfalls hat es nachts gut geklappt, natürlich musste ich ihn nachts zweimal abhalten und die Trefferquote vom Bett in die Schüssel war nicht wirklich gut, aber Tenzin war trocken. So, das Thema Windeln habe ich fast abgehakt. Es gibt nämlich noch eine Eigenart meines lieben Mannes, der sich im Beisein von vor allem tibetischen Freunden als richtiger Wickelprofi erweist, die dann ihr Erstaunen äußern, wie gut er das doch mache. Jedoch sind wir zu Hause, steht er vor Tenzin und dessen nacktem Popo und fragt mich „Und jetzt?“ Und ich frage mich, ist das derselbe Mann?

Ich sage zu Tenzin ja manchmal bzw. eigentlich ziemlich oft Mäuslein, was ja wohl eher ein Spitzname für Mädchen ist, aber mir gefällt er. Gendun mag diesen Namen auch nicht so, weil man in Tibet mit Mäusen nichts wirklich Gutes verbindet. Manchmal sage ich auch Mausezähnchen. Und jetzt hat dieser Name auch seine Berechtigung, denn unten sind zwei kleine Zähnchen durch gekommen. Sie sind schon ganze 1mm groß. Mausezähnchen sagte einmal eine ehemalige Kollegin unserer Mutter (Anne Müschke) zu Nanne. Wir haben ja nicht so große Zähne. Nanne jedenfalls fand das damals nicht so toll. Und Tenzin, wenn es ihm nicht gefällt, er kann sich noch nicht wehren.

Letztens waren wir zu dritt auf der Reintalangerhütte. Letztes Jahr war ich einmal schwanger oben und nun mit Kind. Schulfreunde aus Berlin waren dort und die wollte ich treffen. Es sollte auch ein Test sein, wie es Tenzin im Tragetuch auf dem Rücken geht, denn das hatten wir noch nicht ausprobiert. Ich schaffe es zwar immer noch nicht, ihn mir allein auf den Rücken zu binden, aber das Tragen geht schon ganz gut. Und Tenzin hat auch ganz gut mitgemacht. Er wiegt mittlerweile neun Kilo, das ist zu schaffen. Nur wenn er neugierig nach rechts und links schaut und wieder zurück und dabei rumzappelt und vielleicht noch an meinen Haaren ziept, dann ist es schon manchmal anstrengend. Nachmittags konnten wir uns noch etwas auf die Wiese legen. Und nachts schliefen wir alle wie Murmeltiere, sogar Tenzin schlief mal wieder durch. In Tibet werden so kleine Kinder noch in auf dem Rücken in der Chuba getragen. Die Chuba in Amdo ist ein sehr weiter Mantel mit Schärpe. Der Mantel wird wohl hinten etwas runtergezogen, so dass eine Art Sack entsteht und dort kommt das Kind rein. Vielleicht sehe ich das ja mal.

Raufzu konnten wir glücklicherweise die Hälfte des Weges mit dem Auto fahren. Dann ging es im Sonnenschein weiter. Gleich bei der Bockhütte, nach 30 Minuten, machten wir die erste Pause. Auch Tenzin wurde gefüttert. Dann ging es weiter. Die Hütte war voll, aber wir hatten glücklicherweise ein 2-Bett-Zimmer reserviert. Am Sonntag war das Wetter nicht ganz so toll. Nach einem gemütlichen Mittagessen bei der Bockhütte kamen wir doch in den Regen. Ich holte meinen Regenschirm raus und versuchte Tenzin irgendwie trocken zu halten. Der fand das Ganze eigentlich ziemlich lustig und lachte die ganze Zeit, bis er einschlief.

Zurzeit arbeite ich mal wieder für eine Baufirma. Vor dem Urlaub ist es auch eine Krankheitsvertretung, so dass ich jeden Tag vier Stunden arbeite. Mal sehen, wie es nach dem Urlaub weitergeht. Anfangs war ich in den Highlight-Towern in München. Einmal war so starker Wind, dass die Wände laut knarrten.

Unsere Tibetreise rückt immer näher. Heute (es ist Samstag) in zwei Wochen werden wir vielleicht noch in Xining im Hotel frühstücken, bevor wir in Genduns Dorf weiterfahren. Jeden Tag denke ich darüber nach, was wir mitnehmen müssen, vervollständige im Geiste und auf dem Papier die Liste. Einige Mitbringsel sind gekauft, die anderen bekommen einfach Geld. Medikamente habe ich ebenfalls schon besorgt. Und im Kinderzimmer gibt es eine „Sammelstelle“ für die Dinge, die mitmüssen, die immer größer wird.

Mittlerweile ist es Sonntag Morgen, meine beiden Männer schlafen noch (Gendun) bzw. wieder (Tenzin). Mal sehen, ob ich meine Zeilen jetzt fertig schreiben kann.

Als ich gestern von der „Sammelstelle“ und der Mitnehm-Liste schrieb, fiel mir mit Schrecken ein, dass ich Duschbad und Zahncreme, gerade extra für die Reise gekauft, nicht ausgepackt hatte. Hatte ich die kleine Tüte in der Drogerie vergessen? Gendun war mir keine große Hilfe, er wusste es auch nicht mehr. Allerdings sagte er noch klugerweise, ich solle doch erst einmal unten im Kinderwagen nachschauen, bevor ich zur Drogerie radele. Aber was mache ich? Ich sage zwar „Ja“ und denke „Gute Idee!“, aber als ich unten bin, habe ich schon wieder alles vergessen. Ich bin also umsonst zur Drogerie geradelt und als ich das Rad wieder anschloss, fiel es mir wieder ein. Und siehe da, die Sachen lagen wirklich noch unten im Kinderwagen.

Tibeter sind manchmal wirklich sehr direkt. Letztens bekam ich zum wiederholten Male gesagt: „Tenzin is fat like you!“ Ich muss da immer erst einmal schlucken, denn fett ist wirklich im Deutschen kein so angenehmes Wort. Aber leider bin ich mit den Feinheiten des Englischen und des Tibetischen nicht so vertraut. Vielleicht hat „fat“ keine so negative Konnotation wie „fett“. Und ich meine auch mal gehört zu haben, dass das tibetische „fett“ nicht so negativ gemeint ist. Und in vielen Ländern zeigt ja auch eine gewisse Körperfülle, dass es einem gut geht und dass man einigen Wohlstand hat. Trotzdem – ich werde mich wohl nie daran gewöhnen können.

Meine Schwester sitzt über ihrer Doktorarbeit und vollendet sie. Deshalb gibt es gerade keine News von ihr. Aber ich bekomme natürlich immer mal wieder Fotos von ihrem kleinen, süßen Sohn Joel. Deshalb werde ich heute mal hier ein kleines Bild „veröffentlichen“.

So, mehr gibt es nicht zu erzählen. Macht es gut und im September bin ich wieder da mit neuen News.

September

Wir sind wieder im Lande. Aber Tenzin und ich, wir sind beide gesundheitlich etwas angeschlagen. Deshalb wird es ausführliche News erst im nächsten Monat geben. Aber eines kann ich schon jetzt sagen: Es war für uns alle ein sehr schöner, interessanter Urlaub. Tenzin und ich haben eine sehr sympathische Familie in Tibet gefunden, die uns jetzt sehr fehlt.

Oktober

Mal auf die Schnelle, bevor Tenzin aufwacht. Mein Tibetreisebericht ist fertig. Wer möchte, kann ihn sich von mir schicken lassen.

Dieser Monat war ziemlich anstrengend irgendwie: Mit Tenzin durfte ich fünf- oder sechsmal zum Arzt. Erst der Durchfall, den er bereits am Abflugtag hatte. Dieser zog sich zehn oder zwölf Tage hin. Mich steckte er zwischendurch auch an. Nun ist Tenzin wieder krank – Bronchitis, aber auch schon wieder auf dem Wege der Besserung.

Ich habe diesen Monat wieder etwas gearbeitet. Erst auf der Baustelle – da ist leider nicht so viel zu tun, so dass ich wahrscheinlich erst ab Winter dort regelmäßig arbeiten kann. Dann eine Krankheitsvertretung in der Sprachschule. Und nun muss ich mich dort auch noch selbst vertreten lassen. Blöd gelaufen. Denn ich bekam von denen auch eine Anfrage wegen eines Kurses (d.h. regelmäßig jede Woche), aber leider bekam ich ihn nicht. Aber sie sagten mir, es läge nicht an meinem Fehlen, sondern dass sie immer mehrere Lehrer fragen. Aber trotzdem habe ich natürlich den Gedanken im Kopf. Aber was soll ich machen? Einer muss ja zuhause bleiben. Jedoch sollte ich mal mit Gendun in Ruhe darüber reden, denn er bekommt seine Krankschreibung wenigstens bezahlt.

Auf dem Oktoberfest waren wir auch schon. Am ersten Tag wurden wir unverrichteter Dinge wieder weggeschickt. An Wochenenden und nach 18 Uhr darf man mit Kinderwagen nicht rein. Nur komisch, dass wir am nächsten Tag, mit dem zappelnden Tenzin im Tragetuch, so viele Kinderwagen auf der Wiesn sahen.

Im Oktober habe ich wenig Arbeit. Zum Anfang eine Krankheitsvertretung in der Sprachschule. Dann fahre ich für drei Tage nach Berlin. Nur mit Tenzin. Mal sehen, wie das wird. Mit Zug und Kinderwagen… Ich freue mich, dann kann ich nämlich endlich meinen Neffen Joel kennen lernen. Er kommt mit seiner Mutter (Nanne) für einen Monat nach Berlin. Und dann ergibt sich hoffentlich wieder etwas. Man ist so hin- und hergerissen mit Kind. Wie macht man es richtig, wenn man arbeiten möchte und ein Kind hat? Na ja, ich denke, das lernt man mit der Zeit. Und wird durch die Fortschritte des Kindes belohnt. Die da wären: Nicht mehr nur robben, sondern auch vielleicht 1-2 m krabbeln, sich hochziehen können, „mamamama“ und „tatatata“ sagen, einen anlachen und winken.

Tenzin ist mittlerweile wach geworden, hat nochmals anderthalb Stunden in meinem Arm geschlafen, nun sitzt er neben mir und zieht an irgendwelchen Schubladen, in denen er eigentlich nichts zu suchen hat. Ich muss da wohl mal ein paar Sachen aussortieren, die nichts in seinem Mund zu suchen haben.

November

Wieder ist ein Monat vergangen. Und dieser Monat hatte es in sich. Er war irgendwie verzwickt, vertrackt oder wie auch immer man sagt. Denn die Arztbesuche mit Tenzin setzten sich weiterhin fort. Bronchitis, Schnupfen, Husten und wieder von vorne. Ich musste sogar meinen geplanten Berlinbesuch absagen. Nanne und mein Neffe Joel, den ich bis dahin auch noch nie gesehen hatte, waren nämlich in Berlin, weil Nanne ihre Doktorarbeit verteidigen musste (Magna cum laude war das Resultat). Die beiden wollten zwar auf dem Rückflug nach Namibia einige Tage Zwischenstopp machen, aber das war mir zu wenig. Schließlich hatten wir uns ein Jahr nicht gesehen. Aber nicht nur der Berlinbesuch klappte nicht, auch als die beiden dann in München waren, war ich mit Tenzin im Krankenhaus – Virusinfekt mit hohem Fieber, das mehrere Tage nicht von allein runterging. So kam Nanne dreimal für eine halbe oder ganze Stunde ins Krankenhaus, die beiden Kleinen hielten wir auf Abstand. Und in diesen wenigen Stunden versuchten wir uns zu unterhalten. Nun, vielleicht klappt es wirklich, dass wir nächsten Winter nach Namibia fliegen.

Im Krankenhaus ist Tenzin auch ein Jahr geworden. Ein Glück, dass wir keine Geburtstagsfeier geplant hatten. Ursprünglich wollte ja auch Mama mit nach München kommen, aber sie ist in der Reha jetzt, und ich hatte an ein gemütliches Kaffee trinken der drei „Schulze“-Frauen gedacht. So brachte uns Gendun einige Geschenke mit ins Krankenhaus. Und ich gab Tenzin unser Geschenk am Wochenende drauf. Dem war es eh wurst, ob es nun ein Geschenk oder einfach nur ein neues Spielzeug war.

Zurzeit ist es mit Tenzin eine wirklich sehr schöne Zeit. Er ist sehr zufrieden und glücklich, zumindest wirkt er so. Er krabbelt durch die ganze Wohnung, den langen Flur hin und her. Er zieht sich an den Stühlen und am Sofa hoch und läuft entlang. Reißt alle Schubladen auf und die darin befindlichen Dinge raus. Knabbert Papier und Bücher an. Findet meine Bücher spannender als seine mit den bunten Bildern. Manchmal versucht er, sich freihändig hinzustellen, aber da muss er wohl noch eine Weile üben. Momentan findet er es total klasse, wenn man mit ihm und dem Stuhl verstecken spielt und „Kuckuck“ ruft – oben gucken und unten gucken, hoch und runter, einmal rumlaufen. Dabei lacht er von ganzem Herzen. Und ich kann in solchen Momenten alles vergessen. Herrlich.

Manchmal frage ich mich auch, wo er manche Dinge lernt. z.B. in der Nase zu poppeln oder den kopf zu schütteln oder die Nase zu krausen. Oder letztens sitzt er auf seinem Stuhl, hebt die eine Pobacke. Und wozu? Um zu pupsen!

Einmal haben wir hier in München ein Kindercafé ausprobiert. Es heißt „Freistunde“. Wir haben uns ins Spielzimmer gesetzt und Kaffee getrunken, während wir Tenzin einfach auf dem Boden spielen lassen konnten, ohne immer danach zu gucken, ob er auch ja keine Kabel anlangt o.ä.

Ich bin mal wieder auf Arbeitssuche, denn dieses sporadische Vertreten ist ja auf die Dauer auch nicht so befriedigend. Deshalb haben wir Tenzin am Januar in einer privaten (und leider etwas teuren) Krippe angemeldet. Aber ohne Krippenplatz kann ich mich ja doch nicht richtig bewerben.

Dezember

Mir fehlt etwas die Lust zu schreiben. Anflüge einer Winterdepression oder liegt es daran, dass es mit meiner Arbeitssuche so wenig vorwärts geht. Seit drei Monaten bin ich nun am Bewerbungen schreiben. Insgesamt habe ich ca. 25 Bewerbungen rausgeschickt. Immerhin hatte ich bereits fünf Vorstellungsgespräche: 1) für die Münchner Volkshochschule, die mir jedoch keinen Kurs anbieten konnte, sondern mich einfach nur kennen lernen wollten, 2-4) Unternehmungsberatungen, die Sekretärinnen = Office Managerinnen = Mitarbeiter für den Internen Service suchten. Nach einem Gespräch kam schnell die Absage, bei einer anderen Firma bin ich nach einem zweiten Gespräch immer noch im Rennen, der dritten Firma musste ich selbst absagen, da die Arbeitszeiten sich als nicht Mutter-mit-Kind-freundlich herausstellten. Heute war ich bei der vierten Firma – an sich passe ich schon ins Profil, aber eventuell sind meine Englischkenntnisse zu schlecht. Von Fa. 2 und 4 erhalte ich im Januar Nachricht, dabei hatte ich gehofft, bereits im Januar anfangen zu können. Auf der Baustelle könnte ich anfangen, aber dann müsste ich mich für eine bis Jahresende befristete Halbtagsstelle entscheiden. Und da ich nicht weiß, ob ich jemals wieder einen eigenen Deutschkurs angeboten bekomme, weiß ich auch nicht, was ich denen antworten soll. Schrecklich. Und das komisch ist: Egal welche Variante, ob Gendun ganz- und ich halbtags (plus Deutschkursvertretungen) arbeite oder wir beide ganztags oder Gendun halb- und ich ganztags arbeite, kommen wir finanziell auf das gleiche Geld.

Nun warten wir aufs Weihnachtsfest. Einen kleinen Adventskranz habe ich geschmückt, auch die Pflanzen im Fenster mit Strohsternen, kleinen roten Kügelchen und Weihnachtsengeln dekoriert. Ich habe eine Weihnachtslieder-CD gekauft, Gendun findet sie etwas langweilig, aber ich tanze mit Tenzin immer dazu. Ich habe es immer noch nicht geschafft, Tante Ursis Früchtebrot zu backen. Vielleicht schaffe ich es am Wochenende. Mama kommt am Donnerstag eingeflogen, ich habe vormittags noch einen Deutschkurs, dann werde ich vielleicht direkt zum Flughafen düsen, um sie abzuholen. Am 24. fliegt sie wieder zurück. Aber wie auch schon letztes Jahr werden wir am 23.12. wieder Weihnachten vorfeiern. Mama will mit mir Gans kochen, zwar keine ganze gefüllte, aber immerhin gibt es Weihnachtsgans. Ich habe zu Gendun gesagt, ich würde die Weihnachtsgeschichte erzählen, mal sehen, ob mir eine einfache Variante einfällt.

Und was macht Tenzin? Dem ist egal, dass Weihnachten kommt. Dem ist auch egal, ob seine Mama Arbeit findet oder nicht. Ihm geht es in seiner kleinen Welt sehr gut: Momentan heißt fast alles „papa“ oder „baba“, ich muss also nicht traurig sein, dass er kaum „mama“ sagt. Er stellt sich immer wieder freihändig hin und lacht herzhaft, wenn er auf seinen gut gepolsterten Hintern fällt. Er versteht immer mehr Wörter, u.a. „hamgo“ (Tibetisch für Schuhe).

Also, liebe Leserinnen und Leser, ich wünsche Euch ein wunderschönes, ruhiges und besinnliches Weihnachtsfest, schöne Feiertage und einen guten Rutsch ins Jahr 2008.

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